Kollekte für Jerusalem

[D]iese … Liebesgabe …, die von uns gegeben wird zur Ehre des Herrn und zur Stärkung unserer eigenen Zuversicht.
2. Kor 8,19

Liebe Gemeinde

Meine Eltern haben mir vor langer Zeit ein Fotoalbum angelegt, mit Bildern meiner Kindheit. Vor einigen Tagen nahm ich es zur Hand und blätterte darin. Dabei fiel mir ein Dankesschreiben in die Hände. Es war sorgfältig gefaltet und zwischen zwei Seiten des Albums gelegt. Ich öffnete es und las den Brief. Eine Hilfsorganisation dankte mir für meine Gabe von fünf Franken zu Gunsten der Opfer eines Erdbebens. Man versprach mir, dass mit meiner Spende vielen Kindern geholfen werden könne. Das Schreiben schloss mit einem Wort des Dankes für mein grosses Herz, das ich mit dieser Spende gezeigt habe. Ich musste schmunzeln, als ich dies las. Mit dem lächeln auf meinen Lippen stiegen Erinnerungen an meine Kindheit in mir auf.

Ich erinnerte mich, an die MiniZiB, die Nachrichtensendung des ORF für Kinder. Sie berichteten von einem Erdbeben und dass dadurch viele Menschen ihr Leben verloren haben. Auch den Überlebenden ginge es nicht gut. Viele waren verletzt. Die medizinische Versorgung war nahezu zusammengebrochen. Krankheiten drohten auszubrechen. Gerade Kinder in meinem Alter litten. Es machte mich betroffen. Ich erinnere mich an die Traurigkeit, die ich fühlte.

Vielleicht, so denke ich heute, verknüpfte ich damals die Nachricht mit einer Geschichte, die uns unsere Kindergartenlehrerin Frau Koch in jener Zeit erzählte. Sie spielte in einem abgelegenen Dorf in Afrika und wurde aus dem Blickwinkel eines kleinen Buben in meinem Alter erzählt. Seine Mutter war schwer krank geworden. Der Medizinmann des Dorfes tat, was er konnte, doch alles half nichts. Die Mutter brauchte einen Arzt aus dem Spital in der Stadt. Der Sohn brach zu einer abenteuerlichen Reise auf. Er war mutig, klug und optimistisch. Ich wollte sein, wie er.

Am gleichen Abend oder am Tag danach, nahm auch das Schweizerfernsehen das Thema auf. Die Glückskette organisierte eine grosse Sammelaktion. Ich wollte unbedingt auch etwas geben. Ich bestürmte meine Mutter. Wir berieten, was ich geben könne. Meine Mutter zählte die Münzen in meiner Sparbüchse. Es war nicht viel. Aber ein Fünflieber glänzte unter den vielen Fünfräpplern, Zähnerli und Zwänzgerli. «De Föifliber will ii geh!» sagte ich. Gemeinsam mit meiner Mami rief ich die Spendenhotline an.

Es war bestimmt nicht der grösste Betrag, der an jenem Abend als Spende versprochen wurde, aber für einen fünfjährigen Buben doch ein grosser Batzen! Das merkte ich, als einige Tage später der Einzahlungsschein bei uns zu Hause eintraf. Die erste Rechnung meines Lebens auf der mein Name stand!

Es tat mir dann tatsächlich ein wenig weh, als ich tags darauf mit meiner Mutter die Post betrat und die Rechnung beglich.

Meine Mami hat mir angeboten, für mich zu zahlen, aber das wollte ich dann doch nicht. Es hätte sich falsch angefühlt, wenn es mich auch nicht wirklich gefreut hat mich von diesem Fünflieber zu trennen. Aber eben: Gesagt ist gesagt und versprochen ist versprochen.

Es tat weh. Doch es war richtig. Ich wusste es. Es stimmte.

Ich denke, meine kleine Erinnerung hat viel mit der Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem und mit den Kollekten überhaupt zu tun. Auf einige Parallelen möchte ich hinweisen. Sie laden uns dazu ein über das Kollektengeben an und für sich nachzudenken. Was tun wir, wenn wir am Ende eines Gottesdienstes eine Kollekte zusammenlegen? Was geschieht mit uns und warum ist eine Kollekte mehr als eine Spende?

Paulus erhebt eine Kollekte. Er sammelt unter den Gemeinden, die ihn als ihren Apostel anerkennen, Geld für die Gemeinde in Jerusalem. Auch wenn er diese Kollekte in seinen Briefen jeweils so darstellt, als ob es seine Idee wäre oder er zumindest daran mitgewirkt habe, wird die historische Wahrheit doch eine andere sein.

Paulus begann seine Missionsarbeit mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit unmittelbar nach dem Damaskuserlebnis, welches sich nur wenige Jahre nach der Kreuzigung Jesu um das Jahr 34 zugetragen haben muss. Seinen ersten Missionsreisen war wohl kein Erfolg beschieden. Erst als er sich den Städten in Kleinasien zuwandte, fand er Gehör. Die Gemeinden anerkannten ihn als legitimen Zeugen des christlichen Glaubens, obwohl er dem irdischen Jesus nie begegnet war und ihm auch die Legitimation durch den Kreis jener zwölf Jünger fehlte.

Zwischen dem was Paulus lehrte und der Lehre der Urgemeinde in Jerusalem, gab es erhebliche Unterschiede. Insbesondere war die Heilsbedeutung des mosaischen Gesetzes und damit die Beschneidung fraglich. Für die zwölf Apostel und die Urgemeinde war klar: Nur wer beschnitten ist und damit in den Bund mit Gott eintrat, konnte in Jesus Christus erlöst werden. Anders sah es Paulus. Zwar bestritt er die Geltung des mosaischen Gesetzes nicht, sah es aber als in Jesus ganz und gar erfüllt an. Wer auf Christus vertraut, wird gerettet; beschnitten oder unbeschnitten.

Ein Problem. Das junge Christentum drohte auseinanderzubrechen. Ein gespaltenes Christentum wäre wohl bald in Vergessenheit geraten.

Eine Einigung musste her. So traf man sich im Frühling des Jahres 48 in Jerusalem zum Apostelkonzil. Die Gespräche führten zu einem Kompromiss. Paulus und seine Gemeinden wurden anerkannt. Die Führung sollte aber bei der Jerusalemer Gemeinde bleiben. Eine Kollekte unter den Gemeinden Kleinasiens sollte dies deutlich machen. Sie war ein Zeichen der Verbundenheit.

Auch ich fühlte mich mit diesen Menschen, die vom Erdbeben betroffen waren, verbunden. Ich sah ihre Not. Ich war betroffen und wollte ihre Situation verbessern. Meine Spende war ein symbolischer Akt. Mein Fünfliber machte keinen Unterschied. Auf die konkrete Hilfe vor Ort hatte er keinen Einfluss.

Erst die Masse macht den Unterschied. Viele kleine symbolische Gaben werden zu einem grossen Betrag. Die Masse bewirkt, was die einzelne Gabe nicht kann.

Das Kleingeld und die Zehner- und Zwanzigernoten, die wir als Einzelne nach dem Gottesdienst in die Kollektenkasse legen, machen für sich genommen keinen Unterschied. Doch als Gemeindekollekte kommt ein Betrag zusammen, der einen Unterschied machen kann. Eine Familie mehr kann in ein Projekt des Kinderwerks Lima aufgenommen werden. Ein Kind mehr kann in ein Adonia-Lager mitfahren. Eine Frau mehr kann im Spital der Elsy-Amsler-Stiftung ihr Kind unter medizinischer Betreuung gebären. Ein Mann am Rande unserer Gesellschaft mehr kann im Christenhüsli in Zürich Zuwendung, menschliche Wärme und Geborgenheit erfahren.

Für sich genommen, macht unsere Gabe keinen Unterschied. Zusammengenommen aber macht sie einen grossen Unterschied, für jene eine Familie, jenes eine Kind, jene eine Frau und jenen einen Mann.

In der Kollekte verbinden sich die Gemeinden des Paulus mit der Gemeinde in Jerusalem. Sie geben von Herzen. Ihre Gaben sind Liebesgaben.

Auch meine Gabe war eine Herzensgabe. Vermutlich mehr als alle anderen Spenden, Kollekten und Gaben, die ich später gab. Sie kam von Herzen. Ich habe, zumindest in meinen kindlichen Augen, nicht von meinem Überfluss gegeben, sondern von dem, was ich hatte.

So klein der Wert eines Fünflibers uns Erwachsenen auch scheinen mag, für ein Kind, wie mich, bedeutete es viel Geld. Was hätte ich mir nicht alles an Wünschen damit erfüllen können?!

Genau so ging es wohl vielen in den Gemeinden Kleinasiens. Mancher von ihnen war nicht auf Rosen gebettet. Die Beteiligung an der Kollekte für Jerusalem bedeutete ihnen Verzicht. Sie gaben von dem was sie nicht hatten. Sie gaben aus ihrem Mangel, nicht aus ihrem Überfluss.

Wie stehts bei uns? Geben wir von unserem Überfluss? Tut uns unsere Gabe ein wenig weh, wie es mir als Fünfjährigem weh tat, meinen Fünflieber zu geben?

Ich muss bekennen. Was ich heute spende oder in eine Kollekte lege, das gebe ich aus meinem Überfluss. Es tut mir nicht weh. Ich muss dadurch auf nichts verzichten.

Einige Wochen nach meiner Einzahlung erhielt ich einen Brief. Er kam direkt von der Organisation, die die Hilfe vor Ort organisierte und leistete. Es war dieser Brief, den mir meine Eltern aufbewahrten und den ich beim Blättern im Album fand.

In Mundart verfasst, dankte ein Mitarbeiter der Organisation mir persönlich. Kein Standardbrief, sondern ehrliche Worte eines Erwachsenen an ein Kind.

Ob damals wohl alle Spenderinnen und Spender einen solchen Brief erhalten haben, frage ich mich. Es wäre ein riesiger Aufwand gewesen. Oder hat sich dieser Mensch durch meine kleine Gabe berühren lassen und einfach geschrieben?

Mich berührt der Brief. Damals wie heute. Meine Gabe verschwand nicht einfach in der Summe aller Gaben. Sie fand Wiederhall. Der Brief war wie ein Echo. Deine Tat wurde wahrgenommen.

Auch die Gaben der Korintherinnen und Korinther sollten nicht unbemerkt bleiben. Zwar schrieb Paulus wohl nicht jedem einen Dankesbrief. Aber er machte deutlich, dass die Gabe nicht ohne Wirkung bleiben soll.

Ihre Gabe sollte dreifach wirken. Zum einen ganz weltlich, indem sie der Gemeinde in Jerusalem half zu überleben. Zum anderen himmlisch, denn sie war gegeben zur Ehre Gottes. Und zum dritten persönlich, denn sie sollte die Zuversicht des Gebers stärken.

Was Paulus zur Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem schrieb, das gilt auch für die Kollekten, die wir heute in den Gottesdiensten sammeln.

Sie wirken Gutes in der Welt, indem sie gemeinnützige Organisationen finanzieren. Diese Organisationen helfen Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen. Die Kollekte ist eine Art der indirekten Hilfe.

In diesem Sinn gehört die Kollekte zur Kategorie der Spende. Sie unterscheidet sich in diesem Blickwinkel nicht von anderen Arten des Spendens.

Doch die Kollekte umfasst mehr. Sie hat eine himmlische und vergewissernde Dimension. Anders als die «normalen» Spenden, wird sie zur Ehre Gottes gegeben. Mit unserem kleinen Beitrag erweisen wir dem Herrn der Welt die Ehre. Wir zeigen damit, dass wir wissen, dass alles, was wir haben, nicht unser Besitz ist, sondern Gott gehört und er es uns zur Verfügung stellt.

Darin dürfen wir uns in unserem Vertrauen auf Gott gestärkt wissen. Nicht im Sinne eines Handels. Es ist nicht so, dass wir mit unserer Kollekte die Stärkung unserer Zuversicht erkaufen können. Sie steht nicht in einem kausalen Zusammenhang. Sondern Gott gibt aus seiner Gnade. Diese Stärkung ist so viel mehr wert, als was wir geben.

Genauso, wie der persönliche Dankesbrief mir so viel mehr bedeutet als der Fünfliber, den ich geben habe. Er stärkte meine Zuversicht, dass es gut ist, Gutes zu tun. Er gab mir die Gewissheit, dass das Wenige, das ich geben konnte, genügt, um die Welt ein Stück besser zu machen. In dieser Liebe zur Mitwelt, die damals zum Ausdruck kam, erkenne ich heute: Es geschah zur Ehre Gottes.
Amen

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