Erntedankgottesdienst

Der Chor Schenkenbergertal singt zum Erntedankfest

Und du sollst nicht denken: Meine Kraft und die Stärke meiner Hand haben mir diesen Reichtum erworben.
Denke vielmehr an den HERRN, deinen Gott, denn er ist es, der dir Kraft gibt, Reichtum zu erwerben, weil er den Bund hält, den er deinen Vorfahren geschworen hat, wie es heute der Fall ist.
Dtn 8,17f.

Liebe Gemeinde

Wenn man in diesen Tagen durch unser Tal wandert, so sieht man immer wieder grosse Maschinen, die über die Felder fahren und ernten, was im Frühling gesät und im Sommer gereift ist. Auf manchem Feld stehen nur noch Stoppeln. Stumme Zeugen des ewigen Kreislaufes aus Säen und Ernten. Andere Frucht ist noch nicht ganz ausgereift.

Auch in den Baumgärten ist die Arbeit mitten im Tun. Geschickte Hände sortieren das Tafel- und das Mostobst. Einiges wird vergoren und zu einem hochprozentigen Edelbrand werden. Die Essenz vom ganzen Sommer wird jeder einzelne Tropfen enthalten. So manches Dessert wird mit ihm aromatisiert werden. Er wird pur oder in Mischung mit anderem genossen. Wo es mit Verstand geschieht, ist nichts dagegen einzuwenden.

Noch ist nicht überall Zeit zur Ernte. Die Trauben in den Reben dürfen noch Sonne tanken. Fleissige Hände warten auf den rechten Moment. Dann gilt es in die steilen Hänge zu steigen und Trübel um Trübel zu lesen.

Es scheint mir – so habe ich es vom einen oder anderen von euch gehört – es sei ein gutes Jahr für die Landwirtschaft gewesen. Mancher Bauer darf sich über einen guten Ertrag freuen. Die reiche Ernte macht das Herz froh!

Erfolg zu haben ist schön. Nicht nur in der Landwirtschaft, auch im Beruf, in der Schule und im Sport. Die meisten von uns sind gerne erfolgreich in dem, was sie tun. Es tut gut, ein gestecktes Ziel zu erreichen. Es macht Freude das Ergebnis von harter Arbeit zu sehen. Das gut gefüllte Lager, das Lob vom Chef, der Sechser im Zeugnis und die Goldmedaille um den Hals sind Lohn für harte Arbeit. Sie sind verdienter Lohn. Sie rufen der Welt zu: «Seht, was dieser kann», und sagen einem selbst: «Du hast es geschafft! Du bist gut! Du darfst stolz sein!»

Wie seltsam, wenn wir dann hören müssen: «Du sollst nicht denken: Meine Kraft und die Stärke meiner Hand haben mir diesen Reichtum erworben.» (Dtn 8,17)

Mag Gott uns den Erfolg nicht gönnen? Mag er es nicht ertragen, wenn wir stolz sind auf unsere Arbeit? Sollen wir uns gar überhaupt nicht anstrengen?

Es scheint mir, es gebe Christinnen und Christen, die genau das glauben. Bloss keine Freude zeigen. Das Leben ist ein Jammertal. Glück ist vergänglich. Es lacht einem nur kurz – warum also zurücklächeln? Erst im Jenseits; erst auf der anderen Seite; erst bei Gott kann es Freude geben.

Eine furchtbar triste Vorstellung! Ein Leben so ganz ohne Freude am eigenen Erfolg, an der eigenen Kraft und an allen Talenten, die einem Gott geschenkt hat!

Gut, dass die meisten von uns nicht so sind. Wir gäben keine einladende Gemeinde ab, wenn wir alle in Erfolg und Misserfolg gleichgültig wären. Wenn wir nicht auch miteinander feiern würden und dabei durchaus auch ein wenig stolz auf uns selbst sind.

Und doch steckt in diesem Vers etwas Wichtiges. Er will uns nicht die Freude an unseren Erfolgen und der guten Ernte nehmen. Aber er will uns vor der Falle bewahren, die uns mitunter der Erfolg stellt. Es ist die Falle, zu sehr auf die eigenen Kräfte und Fähigkeiten zu vertrauen.

Niemand anderes als Mose selbst warnt sein Volk. Er muss es wissen. Als Prinz ist er in Ägypten aufgewachsen. Er hat Macht und Ansehen gehabt. Doch er hat sich an einem Aufseher von seinem Vater vergangen. Im Vertrauen auf die Kraft von seiner Hand, hat er ihn erschlagen. Er hat gute Gründe gehabt. Hätte er nicht eingegriffen, der Sklaventreiber hätte einen israelitischen Sklaven erschlagen, bloss weil dieser erschöpft und müde gewesen ist.

Mit dem Mord verliert Mose seinen Status. Er muss fliehen. Er lebt am Rand, ja ausserhalb der Gesellschaft. Seine Macht und seine Stärke haben ihn dorthin gebracht.

In der Fremde, in der Wildnis, wo er die Schafe hütet greift Gott ein. Er macht Mose zum Führer von seinem Volk. Am eigenen Leib erfährt Mose, was es heisst auf Gott zu vertrauen.

Jetzt, da er diese Worte zu seinem Volk sagt, liegt ein Abenteuer hinter ihnen. Er hat sie aus dem Sklavenhaus geführt. Er hat das Volk vor mancher Gefahr in der Wüste bewahrt. Er ist vor Gott für das Volk eingetreten, wo das Volk auf die schiefe Bahn geraten ist.

Es ist die Weisheit von einem langen Leben, die er ihnen da weitergibt. Jetzt, da sie kurz vor dem gelobten Land stehen, sollen sie seine Fehler nicht wiederholen. Das Deuteronomium, das wir als fünftes Buch Mose kennen, ist sein Testament.

«Seht das Land, das vor euch liegt», scheint er zu sagen. Es ist ein gutes Land. Fruchtbar und mit Bodenschätzen. Es ist euch gegeben. Ihr dürft mit ihm schaffen. Einige von euch werden mehr Erfolg haben als andere. Sie werden mehr ernten, sie werden geschicktere Handwerker sein und bessere Händler. Der Reichtum unter euch wird nicht gleich verteilt sein.

Ja, es wird auch unter euch Menschen geben, die trotz aller Anstrengung und allem Einsatz nicht auf einen grünen Zweig kommen.

Wenn du zu den Glücklichen gehörst, dann darfst du wohl stolz sein auf deiner Hände Arbeit. Aber vergiss dabei nicht, auf wie viel, das zu deinem Erfolg geführt hat, du keinen Einfluss hast.»

Gilt das nicht auch für uns?

Bei allem Einsatz und aller Anstrengung haben wir es doch nie ganz in der Hand. Auch heute noch vermögen wir es nicht, dass die Sonne zur rechten Zeit auf die Felder scheint und nicht zu viel und nicht zu wenig Regen fällt. Wir vermögen es nicht, dass die Saat, die wir säen aufgeht. Wir vermögen es nicht, dass die Halme wachsen und die Ähren reifen.

Wir vermögen es nicht, die Grundlagen von unserem Leben aus unserer eigenen Kraft und Macht zu schaffen. Als Menschen bleiben wir abhängig. Ein anderer lässt die Saat aufgehen. Ein anderer lässt die Halme wachsen. Ein anderer lässt die Ähren reifen.

Wer das vergisst, wird in seinem Erfolg überheblich werden. Er wird glauben, dass er es selbst gewesen ist, der den Erfolg gemacht hat. Er wird auf den Armen herabblicken und meinen, der andere müsste sich nur mehr anstrengen. Er wird egoistisch und kaltherzig.

Wer aber der Empfehlung Moses folgt und mit ihm sagt: «Und du sollst nicht denken: Meine Kraft und die Stärke meiner Hand haben mir diesen Reichtum erworben.

Denke vielmehr an den HERRN, deinen Gott, denn er ist es, der dir Kraft gibt, Reichtum zu erwerben, weil er den Bund hält, den er deinen Vorfahren geschworen hat, wie es heute der Fall ist.»

Er wird auch im Erfolg Gott nicht vergessen. Er wird verstehen, dass ihm Gott den Erfolg schenkt. Doch nicht für ihn allein. Er wird erkennen, dass er stellvertretend für alle Menschen beschenkt worden ist. Er wird von seinem Gewinn weitergeben. Er wird seinen Erfolg teilen.

Das wird Leben ermöglichen. Das wird ihm wahre Freude machen. Im Teilen darf er erfahren, dass Gottes Reich nicht erst im Jenseits anfängt, sondern immer dort, wo aus dem Erfolg von einem Einzelnen Gemeinschaft entsteht.

Wo wir Gottesgaben teilen, da sind wir dankbar. Wo wir dankbar sind, da geben wir Gott die Ehre. Wo wir Gott die Ehre geben, da feiern wir ihn. Wo wir ihn feiern, haben wir Gemeinschaft mit ihm.

Danke Gott für deine Gaben!
Amen

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