Ungleiche Söhne

Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an zu feiern.
Lk 15,24

Liebe Schülerinnen und Schüler
Liebe Eltern
Liebe Gemeinde

Die Geschichte des verlorenen Sohns gehört zu den bekanntesten Geschichten des neuen Testaments. Seit Jahrhunderten wird sie in der Kirche erzählt. Häufig mit dem moralischen Finger drohend: «Mach es nicht, wie dieser undankbare Sohn. Sei der treue Sohn, der den Vater nicht verlässt. Bleib bei Gott!»

Im Grund ist gegen dieses Verständnis nicht viel zu sagen. Einzig dies: Als Jesus diese Geschichte erzählte, da erzählte er sie nicht den verlorenen Söhnen und Töchtern. Er erzählte sie viel mehr jenen, die sich selbst für die treuen Kinder Gottes hielten. Seine Zuhörerinnen und Zuhörer gaben sich alle Mühe Gott treu zu sein. Jesus richtete sich an Schriftgelehrte und Pharisäer!

Ich bin der Meinung, es sei gut diese Geschichte neu zu lesen. Anders als wir es seit Jahrhunderten gewohnt sind. Gewissermassen gegen den glättenden Strich der Tradition.

Ich lese diese Geschichte nicht als Gleichnis mit moralischem Anspruch. Ich lese sie vielmehr als Mut-Mach-Geschichte. Ein Gleichnis, das die Menschen befähigen will, die geschenkte Freiheit zu leben. Jene Freiheit, zu der Gott uns befreite. So wird mir das Bild des verlorenen Sohns zur dreifachen Ermutigung.

Sie macht erstens den Verirrten Mut. Sie macht zweitens den Treuen Mut. Und nicht zu Letzt macht sie drittens den Eltern Mut.

Sie macht dem Verirrten Mut. Umkehr ist möglich! Du darfst dich irren und du darfst es dir eingestehen!

Der verlorene Sohn ist ein wunderbarer Mensch. Er will aufbrechen und seine Welt entdecken. Er will neue Wege gehen und alles anders machen, als er es von seinen Eltern gelernt hat. Er ist neugierig. Das ist wunderbar! Wäre der Mensch nicht neugierig, wir würden noch in Höhlen leben, uns von Beeren ernähren und uns ständig vor wilden Tieren fürchten!

Wer Neues wagt, macht Fehler! Manchmal ist der Mut grösser als der Verstand. So beim verlorenen Sohn.

Er macht falsch, was man falsch machen kann. Zuerst macht er seine Lebensgrundlage zu Geld. Dann zieht er völlig unvorbereitet in ein fremdes Land. Vielleicht spricht er nicht einmal die Landessprache. Er hat keinen Plan, wie er sich eine Zukunft aufbauen kann. Dafür aber tausend Träume, wie er schnell zu Reichtum kommen wird.

Er gibt sein Geld aus. Er verschwendet es, um sich zu vergnügen. Sein Leben soll endlich easyer werden, als er es von zu Hause kennt.

Völlig unrealistisch, dieser verlorene Sohn? Ich fühle mich durch ihn an den einen oder anderen Kandidaten einer Auswanderungsshow erinnert.

Als Mut-Mach-Geschichte macht das Gleichnis Mut sich selbst zu besinnen. Es will nicht den Mut nehmen neue Wege zu gehen und Unentdecktes zu entdecken. Aber es erinnert daran, dass nicht jeder neue Weg der richtige sein muss. Es macht Mut zur Umkehr!

Egal ob man dabei Erfolg hat oder auf diesem Weg scheitert: Du hast einen Vater und eine Mutter, die auf dich warten! Du darfst zurückkommen!

Der Vater im Gleichnis eilt dem gescheiterten Sohn entgegen. Obwohl jener alles falsch gemacht hat. Er empfängt ihn mit offenen Armen und offenem Herzen.

Der Vater hätte alles Recht seinem Sohn Vorhaltungen zu machen. Doch der Vater tut das nicht. Unsere Mütter und Väter lieben uns, auch wenn wir gescheitert sind. Wir dürfen umkehren!

Wir dürfen umkehren. Das darf Mut machen aufzubrechen. Gerade der treue Sohn hat diesen Mut bitter nötig.

Er bleibt daheim. Er ist fleissig. Er steht zum Vater. Alles wunderbar!

Oberflächlich betrachtet, macht er alles richtig. Bloss er wagt nichts. Er traut sich nichts zu.

Der Vater teilt das Erbe auf. Jedem Sohn gibt er die Hälfte. Der verlorene macht seinen Teil zu Geld. Doch der treue? Tritt er sein Erbe an?

Der verlorene Sohn handelt verantwortungslos. Doch auch der treue Sohn will die Verantwortung los sein. Er will sie nicht übernehmen. Er macht weiter, als hätte er nichts geerbt. Er macht weiterhin, was der Vater sagt, als ob jener seinen Besitz nicht vererbt hätte. Er tritt sein Erbe nicht an!

Kennen wir das? «Me häts doch immer scho so gmacht!» «Scho de Grossvater hät…» und so macht der Sohn, was schon der Grossvater besser nicht gemacht hätte. Nur weil man es halt immer schon so machte…

Es braucht Mut anders zu sein, als der treue Sohn. Er hätte die Chance gehabt aus seinem Erbteil etwas zu machen. Doch er änderte voll Ehrfurcht nichts. Er behandelte seinen Teil, wie mancher von uns das gute Porzellan. Man erbte es von der Grosstante. Es kostete ein kleines Vermögen. Viel zu schade zum Gebrauch! Seither setzt es Staub an.

Oder wie manche Bibel, die zur Konfirmation verschenkt wird! Viele Jahre später werfen sie die Erben nach der Beerdigung noch original in Zellophan verpackt weg. Sie wurde ein Leben lang als Schatz gehütet. Doch der Schatz wurde nie angenommen. Die frohe Botschaft, die sie enthält, nicht gehört. Eine verpasste Chance!

Seid treue Söhne und treue Töchter! Das ist gut. Aber nehmt euer Erbe an. Macht etwas daraus!

Der Vater liebte beide Söhne. Er wäre auch dem treuen nicht von der Seite gewichen, wenn jener das Erbe angetreten hätte. Er hätte ihm Freiheit und Rat zukommen lassen.

Gott ist bei uns, selbst wenn wir sein Geschenk an uns auspacken! Wo wir es annehmen, löst er sich nicht auf! Er macht frei. Wir sollen frei sein und keine Angst vor ihm haben. Wir sollen uns durch unsere Angst nicht von neuem zu Sklaven machen.

Auch wo wir seine Freiheit annehmen, müssen wir uns nicht fürchten, dass er plötzlich nicht mehr da wäre. Er steht uns bei. Wir dürfen ihn um Hilfe bitten. Wir dürfen uns verändern.

Als einzelne, aber auch als Kirche. Wir dürfen unser Erbe antreten und es anders machen, als es der Vater tat. Wir dürfen uns den Herausforderungen unserer Zeit stellen. Wir dürfen auch als Kirche eine andere werden. Sollten wir uns verirren, dann gilt weiterhin: Du darfst umkehren!

In dieser doppelten Ermutigung kann die Geschichte des verlorenen Sohns auch zur Mut-Mach-Geschichte für unsere Mütter und Väter werden.

Bald schon werden eure Kinder, die uns heute so wunderbar mit ihrem Theater das Gleichnis des verlorenen Sohns näherbrachten, in die Pubertät kommen. Sie werden eigene Wege gehen und sich irgendwo zwischen den beiden Extremen des verlorenen und des treuen Sohns einordnen.

Als Eltern kann einem das Angst machen. Schliesslich will man nur das Beste für die eigenen Kinder.

Bei allem erfreulichen, welches man in dieser Zeit auch mit ihnen erlebt, werden sie doch auch ihre Fehler machen. Man wird sich um sie sorgen. Sie werden gar Wege gehen, wie der verlorene Sohn. Wir werden Todesangst ausstehen – ob berechtigt oder nicht, das sei dahingestellt.

Das Gleichnis kann auch in dieser Situation zur Mut-Mach-Geschichte werden. Wie ihr eure Kinder immer mit offenen Armen erwartet, so wird erst recht der himmlische Vater mit seiner Liebe für sie da sein. Wo wir nicht mitgehen können, da geht Gott mit unseren Kindern. Er ist für sie da. Sie werden nie aus seiner Hand fallen. Habt vertrauen.

Lasst euch Mut machen. Lasst euch Mut machen eigene Wege zu gehen. Lasst euch Mut machen euer Erbe anzutreten. Lasst euch Mut machen zum Vertrauen. Gott ist mit euch.
Amen

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