Ewigkeitssonntag

Der Mensch, geboren von der Frau, ist kurzlebig und voller Unruhe.
Er geht auf wie eine Blume und verwelkt, er flieht wie ein Schatten und hat keinen Bestand.
Und über ihm hältst du dein Auge offen, und ihn ziehst du vor dein Gericht.
Könnte ein Reiner vom Unreinen kommen? Nicht einer!
Wenn seine Tage feststehen, die Zahl seiner Monde bei dir, wenn du seine Grenzen gesetzt hast, die er nicht überschreiten kann, dann blicke weg von ihm, dass er Ruhe findet, dass er sich seines Tages freuen kann wie ein Tagelöhner.
Hiob 14,1-6

Liebe Gemeinde

Viele unter uns mussten in diesem Jahr Abschied nehmen. Einige gar mehr als einmal. Der Tod ist zu uns gekommen. Er ist uns begegnet. Er ist weitergezogen. Bei einigen ist es erst ein paar Wochen her. Bei anderen schon fast ein Jahr.

Wir sind zurückgeblieben. Der Tod nahm einen vertrauten Menschen aus unserem Leben mit sich. Wir spüren und erkennen: Uns fehlt Jemand. Hier ist eine Lücke. Hier ist Leere, die sich nicht bald schliesst. Von der wir vielleicht nicht wollen, dass sie sich je wieder schliesst. Denn wo eine Lücke bleibt, da bleibt der verstorbene Mensch in Erinnerung. Die Lücke im Leben ist wie ein Abdruck. Im Abbild ist das Vorbild gegenwärtig, auch wenn es nicht mehr da ist.

Der Verlust schmerzt. Der Schmerz ist der Preis, den wir für die gelebte Liebe bezahlen. Er ist da. Egal mit welchem Gesicht der Tod in unser Leben trat. Denn der Tod kommt nicht immer als Räuber. Er kann auch Erlöser und Friedensbringer sein. Er kann eine Pforte in eine neue Welt öffnen!

Der Tod, der ins Leben Hiobs trat, war ein Einbrecher und Räuber. Hiob war ein reicher Mann. Doch ein Krieg nahm ihm seine Herden und damit seinen Reichtum. Er war Familienvater. Sieben Söhne und drei Töchter gaben ihm Zuversicht für die Zukunft. Doch eine Naturkatastrophe ereignete sich. Der Sturm riss das Haus ein, in dem seine Kinder bei einander sassen. Keines überlebte. Hiob verlor alles!

Er trauerte. Nichts konnte ihn trösten. Alles ist finstere Nacht um ihn. Er hat jeden Grund zur Hoffnung verloren. Er hat keine Zukunft mehr.

Hiob erlebt, wie radikal der Tod in das Leben eines Menschen einbrechen kann. Es trifft ihn härter, als es die meisten von uns getroffen hat, als der Tod in unser Leben eintrat. Am Schicksal Hiobs wird deutlich, wie zerbrechlich und vergänglich das Leben des Menschen ist.

Die Zukunft, die er sich mit Fleiss, Einsatz und ein wenig Glück aufgebaut hat, ist dahin. Sie ist trügerisch, wie alle Sicherheit der Welt. Das Unglück, das ihn trifft, zerbricht das dünne Eis jener Sicherheit, die auf seiner eigenen Leistung gründet. Er stürzt in die kalten Fluten des Todes. Finsternis umschliesst ihn. Er fällt ins Bodenlose.

Sind wir sicher, dass es uns nicht auch so ergehen kann, wie es Hiob erging? Ist die Finsternis, in die er hineinfällt, nicht auch die Finsternis, die uns treffen kann?

Der Tod, der alles raubt, schlägt in seinem Leben zu. Es ist der gleiche Tod, der auch über unserem Leben schwebt. Wie das Damoklesschwert hängt er an einem seidenen Faden. Jeder Zeit kann der Faden reisen. Jeder Zeit kann der Tod in unser Leben treten. Was uns von Hiob unterscheidet, ist einzig, dass unser Faden noch hält.

Die Finsternis, die ihn umschliesst, ist darum auch unsere Finsternis. Wo wir sie nicht wie Hiob erleben, da liegt es nicht an der Finsternis. Es liegt einzig daran, dass wir ihrer noch nicht bewusst geworden sind. Es ist dieselbe Finsternis, die über allem menschlichen Leben schwebt.

«Der Mensch, geboren von der Frau, ist kurzlebig und voller Unruhe.

Er geht auf wie eine Blume und verwelkt, er flieht wie ein Schatten und hat keinen Bestand.»

Was Hiob von sich selbst sagt, gilt auch für uns. Wo wir leben, sind wir blühende Blumen. Doch auch wir werden welken. Ob wir es wahrhaben oder verdrängen. Ob wir mit dem eigenen Tod leben oder ihm mit aller Kraft den Zugang zu unserem Leben verwehren. Eines Tages wird er dennoch einbrechen.

Hiob verfällt in grosse Trauer. Seine Freunde besuchen ihn. Es ist zutiefst menschlich, dass sie ihrem Freund beistehen wollen.

Auch viele von uns haben dies im vergangenen Jahr erleben dürfen. Verwandte, Freunde und Nachbarn sind nicht nur zur Abdankungsfeier in die Kirche gekommen. Auch in der Zeit der Trauer haben viele den Beistand aus der Gemeinschaft gespürt. Es ist gut, wenn trauernde Menschen nicht auch noch in der Einsamkeit versinken, wenn ein Stück Einsamkeit auch zum Trauerprozess dazugehört. Die Trauer braucht ihre Zeit. Beides muss möglich sein. Gemeinschaft und Zeit allein. Zurückschauen und Vorwärtssehen. Erinnern und neue Pläne schmieden.

Gute Freunde können dabei helfen. Es ist ein Segen, wenn Sie dies erleben durften.

Aber Freunde können in der Trauer auch eine Belastung sein. Nicht immer ist gut gemeint auch gut gemacht. Es kann einem gehen, wie es Hiob mit seinen Freunden erging.

Sie kommen. Sie reden mit ihm. Sie wollen ihm sein Unglück und den Tod erklären. Mit frommen Worten sagen sie ihm, dass Gott nichts ohne Grund geschehen lasse. Das Unglück, das ihn trifft, sei Strafe für seine Schuld oder sein Sündersein. Es sei eine Aufgabe. Er müsse daraus lernen. Er müsse ihm einen Sinn geben.

Der Tod als Strafe. Unser aller Schicksal als ewiges Urteil Gottes über den Menschen. Er sitze über uns zu Gericht. So heisst es nicht nur im Buch Hiob. Die Freunde, die ihn doch eigentlich trösten wollen, werden zu Ankläger Hiobs.

Natürlich sind wir heute weiter. Krankheit als Folge von Sünde zu verstehen, dass gilt in unserer Gesellschaft als längst überholt. Wer so redet, wird heute belächelt. Wer den Tod als der Sünde Sold bezeichnet, gilt bald einmal als Fundamentalist. Schliesslich sind wir heute doch viel weiter!

Doch sind wir es wirklich?

Gerne wird heute von der Eigenverantwortung gesprochen. Gerade wenn es um Gesundheit und Krankwerden geht. Ein ungesunder Lebensstil macht krank. Wer raucht riskiert Lungenkrebs. Wer gern isst, muss mit Diabetes rechnen. Aus dem Glas Wein folgt bald einmal ein Leberschaden. Sitzen ist das neue Rauchen. Nur wer sich vegan ernährt und täglich Sport treibt, macht alles richtig. Wer krank wird, hat gewiss etwas falsch gemacht. Er hat die Eigenverantwortung nicht ernst genommen. Er ist selbst schuld! Selbst schuld?

Unsere Gesellschaft mag in Krankheit und Tod keine göttliche Strafe für die Sünde mehr sehen, aber das Prinzip ist dasselbe geblieben. Wir haben nur den Begriff ersetzt. Aus Sünde ist ein nicht optimaler Lebensstil und aus Strafe «Folge von» geworden.

Dabei macht unsere Gesellschaft den gleichen Fehler, den schon die Freunde Hiobs machten. Sie vergessen, dass sie auf dem gleichen dünnen Eis stehen, wie Hiob. Sie vergessen, dass der einzige Unterschied darin besteht, dass Hiob schon eingebrochen war. Sie stehen auf dünnem Eis, doch tun sie so als wäre der Grund, auf dem sie stehen, fest.

Anstatt Hiob beizustehen, ziehen sie in noch viel tiefer in seine Verzweiflung. «Und über ihm hältst du dein Auge offen, und ihn ziehst du vor dein Gericht. Könnte ein Reiner vom Unreinen kommen? Nicht einer!» ruft Hiob aus.

Aus dieser Finsternis bittet er Gott: «Wenn seine Tage feststehen, die Zahl seiner Monde bei dir, wenn du seine Grenzen gesetzt hast, die er nicht überschreiten kann, dann blicke weg von ihm, dass er Ruhe findet, dass er sich seines Tages freuen kann wie ein Tagelöhner.»

Er will, dass Gott seine Augen von ihm nimmt, wenn es für ihn ans Sterben geht! Er will, dass Gott ihm fern ist, wenn seine Stunde schlägt! Er will von Gott vergessen werden.

Ich kann mir keinen traurigeren, ohnmächtigeren und verzweifelteren Wunsch vorstellen. Er schickt Gott weg.

Doch Gott lässt sich nicht wegschicken. So verzweifelt und verloren ein Mensch auch sein mag. Am Ende wird Gott Hiob begegnen.

Er erklärt ihm den Grund seines Leidens nicht. Doch er ist bei ihm in seinem Leiden. Hiob wird nichts aus seinem Leiden lernen. Er muss ihm keine Bedeutung geben. Er muss es nicht einmal annehmen.

Aber er darf wissen, dass Gott auch in dieser Finsternis, die ihn umgibt, bei ihm ist. Er bricht ein durch das Eis der Gewissheit der Welt. Er bricht ein in die Finsternis. Er fällt. Doch er fällt nicht tiefer als in Gottes Hand.

Hiob darf neues Vertrauen finden. In der Begegnung mit Gott wird er getröstet. Ein neuer Grund zur Hoffnung wird ihm geschenkt. Kein Grund zur Hoffnung nach den Massstäben der Welt. Keine Zukunft, die er sich selbst erarbeiten kann. Sondern eine Hoffnung, die tiefer ist als die bodenlose Finsternis des Todes. Er findet eine göttliche Hoffnung.

Viele von uns haben in diesem Jahr Abschied nehmen müssen. Nur wenigen ist der Tod dabei mit solcher Finsternis begegnet, wie Hiob. Das ist gut so.

Doch durch Hiob dürfen wir Hoffnung schöpfen. Er erlebt die Finsternis, wie kaum ein anderer Mensch. Er verliert alles. Er hat keinen Grund mehr zur Hoffnung. Er geht fast verloren in seiner Trauer.

Doch Gott lässt es nicht zu. Er begegnet Hiob, als ihn dieser wegschicken will. Er nimmt seine Augen nicht von ihm. Sondern schaut ihn an. Er erkennt seinen Schmerz. Er erkennt seine Ohnmacht. Er erkennt seine Trauer. Er ist bei ihm, ohne ihn zu verurteilen. Er teilt sein Leid, ohne es von ihm zu nehmen. Er gibt ihm Kraft und lässt eine neue Hoffnung erwachen.

Gott bewahrt uns nicht vor dem Abschied, vor dem Schmerz und vor der Trauer. Er nimmt das Leiden nicht von uns. Doch er ist bei uns in allem Leid. Er geht den Weg mit uns, durch den Schmerz und die Trauer. Er bietet uns seine Hand. Er will uns Hoffnung geben.
Amen

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