Komm runter!

Jesus ruft: «Los, komm herunter, denn heute muss ich in deinem Haus einkehren.»
Lk 19,5

Liebe Gemeinde

Jesus kommt nach Jericho. Es ist die letzte Stadt, bevor der Weg nach Jerusalem steil zu steigen beginnt. Hier muss durch, wer in die Stadt Davids will. So erstaunt es nicht, dass Jesus schon von einer grossen Menschenmenge erwartet wird. Sie haben Gerüchte, Wunder- und Heilungsgeschichten, Anekdoten und Weisheitsworte gehört. Ein jeder hat sein Bild, seine Idee, seine Gedanken und seine Fantasien über diesen Mann, der kommen soll, mitgebracht. Ein Arzt! Ein Zauberer! Ein weiser Mann! Ein Philosoph! Ein Kämpfer für soziale Gerechtigkeit! Ein Revoluzzer! Ein Prophet! Ein Gotteslästerer! Der wiedergekommene Johannes der Täufer! Elija gar! – würden sie möglicherweise antworten, würden sie gefragt, wen sie erwarten.

So oder so. Der Mann aus Galiläa macht neugierig. Allein, dass er durch ihre Stadt zieht, treibt die Menschen auf die Strassen und die Gassen. Ein jeder will ihn sehen. Vielleicht sogar ein Wort mit ihm wechseln, mag sich der eine oder andere im Stillen hoffen. Von solch einem Erlebnis könnte man noch den Enkeln erzählen!

Ich kann diese Frauen und Männer von Jericho gut verstehen. Ich meine, es gehe uns ganz ähnlich. Auch wir haben schon viel von diesem Jesus aus Nazareth gehört. Im Fiire mit de Chliine, in der Sonntagschule, im Präparanden- und Konfirmandenunterricht, im Fernsehen und im Radio – nicht nur im Wort zum Sonntag! In der Kirche und im Gebetskreis. Auch wir haben unsere Bilder und Vorstellungen von Jesus. Vielleicht wissen wir gar sehr genau, wer er ist. Dann antworten wir voller Überzeugung: «Er ist der Sohn Gottes!» Doch sobald wir einander erklären wollen, was wir genau meinen, merken wir, dass wir von ganz Unterschiedlichem sprechen. Es ist mehr eine Chiffre. Eine Art Codewort. Rasch gesagt, doch schwer zu verstehen. «Er ist der Sohn Gottes!»

Doch weisst du, was du sagst, wenn du sagst: «Jesus ist der Sohn Gottes!»? Weisst du welch grosses Wort du gelassen sprichst? Oder plapperst du nur nach, was dir deine Eltern, deine Sonntagschullehrerin oder dein Pfarrer vorsagten? Bekennst du, was du sagst? Bezeugst du es mit und in deinem Leben?

Gar nicht so leicht zu sagen. Die Antwort ist schwer! Es ist wie bei den Menschen von Jericho. Sie alle haben von Jesus gehört. Sie alle haben ihre Meinung zum Mann aus Nazareth. Sie alle stehen an der Strasse. Sie sehen den Retter mit ihren Augen. Sie hören seine Worte mit ihren Ohren. Er kommt zu ihnen. Sie treffen ihn. Doch begegnen sie ihm?

Einer unter ihnen heisst Zachäus. Auf ihn blickt Lukas in seinem Erzählen. In der Lesung haben wir von ihm gehört. Folgen wir den Augen des Evangelisten. Betrachten wir diesen Zachäus.

Er ist klein. Das fällt sofort auf. Schon als kleiner Junge war er klein. Er war kleiner als seine Kameraden. Er war kleiner als seine Altersgenossen. Ja, er war kleiner als die Kleinen, die noch am Rockzipfel ihrer Mutter hingen und nicht halb so viele Jahre zählten wie er. Zachäus ist klein. Und dass er klein ist, ist sein Manko.

Wäre er doch bloss ein, zwei Zentimeter grösser – vielleicht wäre er dann nicht klein gewesen. Zwar machen ein, zwei Zentimeter keinen grossen Unterschied, doch vielleicht wäre dann sein Kleinsein nicht so sehr aufgefallen. Er wäre nicht wirklich grösser gewesen, doch niemand hätte ihn klein genannt. So aber konnte er es keinen Tag seines Lebens vergessen. Und hätte er es auch nur einmal für eine Stunde vergessen, die Andern hätten ihn sofort daran erinnert. «Schaut da kommt der kleine Zachäus!» hätten sie einander zugerufen und auf ihn hinab geblickt.

So stand Zachäus sein Kleinsein immer als Mangel vor Augen. Mangelt es einem Menschen an etwas, so versucht er seinen Mangel zu lindern. Das ist nur natürlich. Es ist nur allzu menschlich.

Auch wenn er klein war, war Zachäus doch ein Mensch. Und so tat er etwas gegen seinen Mangel. Er versuchte ihn zu kompensieren. «Wenn ich reich und mächtig bin, dann bin ich nicht mehr klein! Dann blickt niemand mehr auf mich herab. Dann wird man mich hochachten. Dann muss jedermann zu mir hoch schauen, trotz meiner Körpergrösse! Mag sein das ich bei Gott zu kurz geraten bin. Doch ich will mich selbst gross machen!»

So war er fleissig, geschickt, geschäftstüchtig und mitunter gerissen. Geschickt setzte er Recht und Gesetz für seine Zwecke ein. Und wo es nötig war, da beugte er sie zurecht. So brachte er es zum Oberzöllner von Jericho. Eben jenem Jericho, durch das fast alle Menschen und Güter kamen, die nach Jerusalem wollten. Er, Zachäus, zog den Zoll über all diese Menschen und Waren ein! Er besass grosse Macht!

Oberzöllner von Jericho zu sein war fast so gut, wie eine Lizenz zum Gelddrucken zu besitzen. Auf jeden Reisenden, auf jedes Tier und auf jeden Warentransport erhob er eine Gebühr. So verdiente er mit an all den Pilgern, die zum Tempel zogen. An all den Nahrungs- und Genussmitteln, die die Bevölkerung von Jerusalem konsumierte. An all den Rohstoffen und Fertigprodukten, die vom Orient nach Jerusalem oder von Jerusalem in den Orient gelangten.

Zachäus wurde nicht reich. Er wurde nicht sehr reich. Er wurde steinreich! Wer auf einem solchen Posten sitzt, der kann es sich erlauben sich jeden Wunsch zu erfüllen, der sich mit Geld erfüllen lässt!

Und dennoch: Zachäus blieb kein. Obwohl er alles tat seinen Mangel zu kompensieren. Alle Reichtümer machten ihn doch nicht gross. Obwohl seine Mitmenschen ihn gewiss beneiden mussten, blickten sie nach wie vor auf ihn hinab.

Als Jesus kommt, macht ihm niemand Platz. Keiner lässt ihn vor, damit auch er schauen kann. So steht er unter den Schaulustigen und sieht doch nichts als Rücken. Keine neue Erfahrung für ihn! Doch das Leben hatte ihn gelehrt: Auf niemand ist Verlass. Du kannst nur auf dich selbst bauen. Du musst deinen Mangel kompensieren, wenn du dein Ziel erreichen willst. Und so steigt er auf einen Baum. Der Baum soll seinen Mangel kaschieren. Der Baum wird ihm zur Krücke.

Ich empfinde Mitleid mit Zachäus. Er wäre gern grösser und empfindet es als Manko. Auch ich kenne das. Zwar ist es bei mir nicht die Körpergrösse, unter der ich leide. Doch leide auch ich ab und zu an mir selbst. Da erkenne ich mich im Oberzöllner von Jericho wieder. Gerne wäre ich nicht so schnell beleidigt. Gerne wäre ich innerlich ruhiger, gerade in den Stürmen des Lebens. Ich wünschte ich wäre klüger, smarter, galanter, witziger, geselliger, eloquenter, aufmerksamer, gerechter, schuldloser, frömmer und gottgefälliger als ich es oft bin. Wie Zachäus sein Kleinsein auf der Seele brennt, so fühle auch ich manchen Mangel wie eine Last auf meinem Herzen. Es sind dunkle, hässliche Flecken, die zwar einfacher zu verbergen sind, als die fehlenden Zentimeter unter denen Zachäus leidet, und dennoch schmerzen.

Wie Zachäus, so versuche auch ich meine Mängel zu kompensieren. Nicht mit Zolleinnahmen, aber mit Ausbildung, mit Engagement und einem Leistungswillen, der an mich selbst viel härtere Massstäbe legt als an andere.

Geht es nur mir so? Oder geht es auch dir, wie es Zachäus geht? Steckt nicht auch in dir ein Stück von ihm? Ist es nicht geradezu die Conditio Humana – die Bedingung allen Menschseins – dass wir Mangelwesen sind?

So sitze ich mit Zachäus auf dem Baum, der der letzte Versuch ist, den eigenen Mangel zu kompensieren. Als Schaulustige warten wir auf Jesus.

Da kommt der Mann aus Nazareth! Wir sehen ihn. Er kommt auf unseren Baum zu. Er trifft uns an, wie wir beide uns verzweifelt am Ast festhalten, der unseren eigenen Mangel kompensieren soll und es doch nicht kann.

«Los, komm herunter, denn heute muss ich in deinem Haus einkehren», sagt Jesus zu Zachäus. Er sagt es auch zu mir. Er sagt es auch zu dir. Es sagt es zu uns allen.

Komm herunter von der Krücke, von der du meinst, sie könne deinen Mangel kompensieren. Komm herunter von deinem Irrglauben. Glaube nicht, du müssest dich selbst vor Gott und den Menschen gross machen. Komm herunter von deinem Stolz. Nimm dich selbst nicht so wichtig. Die Welt dreht sich nicht um dich!

Zachäus begegnet in diesen Augenblick Jesus. Die Begegnung stellt ihn vor die Entscheidung. Er kann auf dem Baum sitzen bleiben. Er kann sich weiterhin an die Astgabel klammern, die ihn über seinen Mangel und über seine Mitmenschen erhebt. Er kann Schaulustiger bleiben. Er kann seinen Enkeln davon erzählen, dass er Jesus getroffen hat. Doch dann wird er ihm nicht begegnen.

Oder Zachäus kann vom Baum herabsteigen. Er kann Jesus begegnen. Er kann in seiner ganzen Kleinheit vor ihn treten. Er kann Jesus zu seinem Haus führen. Sein ganzes Haus – seine Familie, seine Dienerinnen und Diener, Mägde und Knechte – dürfen dann dem Mann aus Nazareth begegnen. Sie dürfen den Segen Gottes empfangen.

Zachäus entscheidet sich für das Zweite. Die Begegnung verwandelt sein Leben. Äusserlich, indem er den Armen gibt, was er an Reichtümern angesammelt hat. Innerlich, indem er reich wird in seinem Herzen, denn er darf erleben was es heisst, den Sohn Gottes in sein Haus und sein Leben aufzunehmen. Er erfährt Vergebung. Seine Seele wird geheilt vom Mangel. Jesus nimmt seine Sünde mit. Er trägt sie mit sich nach Jerusalem. Er schlägt sie selbst ans Kreuz, als die Menschen ihn ans Kreuz schlugen. Jesus steigt für Zachäus auf den Baum, um den Mangel zu beseitigen. Ein anderer Baum als jener, der an der Strasse von Jericho stand und auf dem Jesus Zachäus fand. Jesus steigt auf jenen Baum, der den Tod bedeutet, doch zum Lebensbaum von Golgatha wird. Das tote Holz des Kreuzes wird zum Lebensbaum.

Zachäus darf die Frucht dieses Baumes geniessen. Sie wird ihm geschenkt, als er vom Baum herabstieg und sich selbst erniedrigte.

Jene Frucht darfst auch du geniessen, wenn du es Zachäus gleichtust. Wenn du herabsteigt vom Baum der Kompensation der eigenen Mängel. Wenn du dich selbst nicht vor Jesus grösser machen willst, als du bist. Wenn du ihm deine Mängel zu Füssen legst.

Du und ich wir dürfen vom Baum herabsteigen und Jesus begegnen. Wir dürfen ihn in unser Leben hineinlassen. Wir dürfen unsere Auflehnung gegen Gott und unsere Sünde ihm übergeben. Wir müssen uns nicht selbst vor Gott gerecht machen. Wir dürfen in unserem Scheitern zu ihm kommen. Er nimmt von uns, was als Mangel unsere Seele quält. Er schenkt uns Heilung. Er nimmt unsere Sünden mit ans Kreuz. Er schenkt uns die Frucht vom Baum des Lebens. Er schenkt uns ewiges Leben.

Jesus spricht: «Los, komm herunter, denn heute muss ich in deinem Haus einkehren.»
Amen

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