Ein täglicher Gedanke in Zeiten des Virus – Tag 13

Wandere ich auch im finstern Tal, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab, sie trösten mich.
Ps 23,4

Ein finsteres Tal scheint mir die Corona-Krise. Nicht für die Kinder. Sie müssen sich zwar einschränken, was nicht leichtfällt. Sie dürfen nicht in die Schule und können ihre Freunde nicht treffen. Das ist unangenehm. Es ist traurig. Doch besteht keine Gefahr für sie. Gemäss heutigem Wissensstand sind Kinder und Jugendliche durch das Virus nicht gefährdet, wenn es in seltenen Fällen auch bei ihnen zu Komplikationen und tödlichen Verläufen kommen kann. Doch dies sind Ausnahmefälle und kommen bei COVID-19 wohl seltener vor als bei einer saisonalen Grippe.

Auch die meisten Erwachsenen sind nicht direkt bedroht. Die wirtschaftlichen Auswirkungen auf Angestellte und Selbstständige aber sind nicht zu unterschätzen. Trotz Milliardenhilfe aus Bern, wird die schweizerische Wirtschaft an Corona noch lange zu tragen haben und die Weltwirtschaft die Folgen noch während Jahren spüren. Dieses wirtschaftliche Tal ist lang, aber nicht tief. Zumindest nicht, wenn man es im Verhältnis sieht, zu den Menschen, die unmittelbar bedroht sind. Das tiefe Tal beginnt erst, wenn ein naher Mensch erkrankt und der Verlauf schwer ist. Es wird zum eigenen Tal, wenn das Virus den eigenen Körper befällt.

Das Virus und die Krankheit halten uns die eigene Sterblichkeit vor Augen. Was im Alltag gut im Hintergrund gehalten werden kann, wird durch die Situation an die Oberfläche gespült. Plötzlich wird jeder von uns mehr oder weniger deutlich mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert. Es stellen sich Fragen nach dem Umgang mit dem eigenen Tod und wie man sich darauf vorbereiten kann.

Um diese Vorbereitung geht es mir heute. Dabei will ich keinen düsteren Blick auf die Sterblichkeit von uns Menschen werfen. Sondern vom Trost und dem Licht erzählen, das auch im Sterben erfahren werden kann. Von Dankbarkeit und Versöhnung möchte ich reden.

Warum? Weil mir die Situation mit dem Virus und die drohende Überlastung des Gesundheitssystems eines vor Augen führt. Es kann sein, dass gerade in einer solche Situation das Sterben einsam sein kann. Die vertraute Pfarrerin oder der Pfarrer darf einem nicht besuchen. Auch der Kontakt zu den Angehörigen ist nicht mehr möglich, weil die vielleicht nötige Schutzausrüstung für jene reserviert ist, die als Ärztinnen und Ärzte, als Pflegerinnen und Pfleger um das Überleben von den nicht sterbenden kämpfen. Das Wort Triage geistert durch die Presse. Nicht nur Medizinerinnen, Mediziner und Ethiker zerbrechen sich darüber die Köpfe. Auch für uns Theologinnen und Theologen stellen sich im Zusammenhang damit Fragen. Was ist, wenn Seelsorge nicht mehr möglich ist? Gerade in dieser Zeit mehr als eine theoretische Frage. Als Pfarrer habe ich bereits in der gegenwärtigen Lage keinen Zutritt mehr zu Altersheimen und Spitälern. Was sonst grundsätzlich möglich ist, nämlich dass man mich auch im Sterben noch rufen kann, ist heute nicht möglich. Nicht, weil ich nicht will, sondern schlicht darum weil man zur Zeit für vernünftiger hält diesen urchristlichen Dienst wegen der Situation einzuschränken.

Ich will mich darüber nicht beklagen. Auch in «normalen Zeiten» werde ich nur selten gerufen. Ob das heute einfach so sein muss, oder ob man um diesen Dienst schlicht nicht mehr weiss, weiss ich nicht. Sitznachtwachen und Sterbebegleitung haben den Pfarrer und die Pfarrerin in vielen Situationen scheinbar überflüssig gemacht. Vielleicht schwingt dabei eine alte Angst mit, dass mit dem Pfarrer der Tod kommt oder man gar meint, man müsse dann noch «Sünden» oder so bekennen. Als ob mit dem Pfarrer ein strafender Richter Gottes käme. Das ist nicht der Fall. Zumindest mir läge dies fern.

So oder so. Ob gewollt oder nicht, viele Menschen gehen diesen letzten Weg heute allein. Höchstens die nächsten Verwandten sind noch dabei. Vielleicht will man den Sterbenden schützen. Vielleicht soll aber auch das Sterben die Welt nicht stören. Doch der Tod ist kein Störfall. Er ist Teil des Lebens.

In der Antike und im Mittelalter pflegten viele Menschen den Tod in ihr Leben zu integrieren. Man sprach von der Ars Moriendi – der Kunst des Sterbens. Ziel dieser Vorbereitung auf das Sterben im Leben war es, den Tod nicht als Ende des Lebens zu fürchten, sondern im Sterben und dem Tod den vollendenden Abschluss des eigenen Lebensweges zu erkennen. Mit dieser Kunst verbunden war der Begriff der Sünde. Und in diesem Begriff und vor allem seinem Missverständnis liegt die Schwierigkeit für uns heutige Menschen begraben. Ja, die Kirche hat gerade im Blick auf den Begriff der Sünde viel falsch und wenig richtig gemacht. So meinen heute viele, wenn von Sünde die Rede ist, es handle sich um einen moralischen Begriff. Sünde sei Schuld. Sei ein Verbrechen.

Doch Sünde das ist falsch. Sünde ist keine Tat und keine Wertung, sondern neutrale Beschreibung. Sünde meint den Zustand des nicht Wahrnehmens. Sünde heisst betäubt zu sein. Sünde heisst in der Unwahrheit zu leben. Die Sünde überwinden ist darum auch keine Veränderung des Verhaltens, sondern eine Veränderung der Verhältnisse. Es ist Selbstwahrnehmung. Es ist Leben in Wahrheit.

Wenn Christus für die Sünde der Welt stirbt, so meint dies, dass er den Menschen aus der Betäubung aufweckt. Er öffnet die Augen. Sündenvergebung heisst, mir werden Augen geöffnet.

Was heisst dies nun im Blick auf mein Sterben? Ich möchte meinem eigenen Ende mit offenen Augen und klarem Blick entgegen gehen. Ich möchte es als Vollendung meines eigenen Lebensweges begreifen. Das kann ich nicht aus eigener Kraft. Ich muss mir die Augen öffnen lassen. Mit offenen Augen erkenne ich mich selbst. In diesem Erkennen, erkenne ich mich nicht als schlechten Menschen. Ich muss nicht erkennen, was ich falsch gemacht habe. Vielmehr darf ich erkennen, dass ich von Gott gewollt bin. Das er mir mein Leben gab und ich in seiner Hand stehe. Ich erkenne mich als von Gott geliebtes Wesen. Gott liebt mich, weil ich liebenswert bin! Weil ich als sein Geschöpf liebenswert bin, egal was ich getan oder unterlassen habe. Weil er mich liebt, kann ich nicht aus seiner Hand fallen.

Mir ist es im Blick auf mein Sterben wichtig, dass ich mir dies immer wieder vor Augen führen kann. Wenn es sein darf, dann wird mir dies einmal eine gute Pfarrerin oder ein guter Pfarrer am Sterbebett immer wieder aufs Neue zusprechen. Doch sollte es nicht sein, so möchte ich es mir selbst zusprechen dürfen. Deshalb ist es mir wichtig, solange ich es kann, Psalmen auswendig zu lernen. Oder besser noch by heart, wie es im englisch heisst. Sie im Herzen tragen. Gerade der 23. Psalm ist für mich ein guter Ausgangspunkt.

Wo ich mich mit offenen Augen als von Gott geliebtes Geschöpf erkenne, dann verändert sich aber auch mein Blick auf die Welt. Ich beginne meinen Nächsten nicht mehr mit eigenen Augen zu sehen, sondern durch die Augen Gottes. Auch Du, mein Gegenüber, bist von Gott geliebt. Auch du darfst deine Augen öffnen und dich in dieser göttlichen Liebe erkennen. Du darfst deine Augen schon jetzt auftun.

Wo es gelingt, da braucht es wahrhaftig keinen geistlichen Beistand mehr. Weder im Leben noch im Sterben. Denn was ist das Sterben auch anderes als Leben im Übergang? Es ist nicht nötig mit dem Öffnen der Augen bis zuletzt zu warten.

Wo ich mich und wo ich dich, wo ich die ganze Schöpfung als von Gott geliebt erkenne, da muss ich mich nicht mehr so furchtbar wichtig nehmen. Da darf ich aus dem Zentrum meiner Welt treten und einem anderen Platz machen. Dieses Platzmachen ist dabei keine Demutsgeste. Es ist ein Stück Befreiung. Es ist ein mystisches Versenken in die Liebe Gottes. Es ist eintreten in die Gegenwart Gottes.

Er nimmt mir die Angst und die Sorge. Im Sterben und Tod muss ich nicht loslassen, sondern bin gehalten in Gott. Die Todesschatten, wie Martin Buber den Vers übersetzt, können mir nichts mehr anhaben. Denn Gott ist an meiner Seite. Er führt mich durch das Tal. Er wehrt den Gefahren. Er führt mich durch mein Sterben hindurch. Er führt mich in seine Auferstehung.

Ich merke, mir fehlen die Worte und meine Bilder sind schwach. Vielleicht ist es unmöglich davon zu reden. Doch will ich nicht schweigen. Ich will dir, meinem Gott singen, im Leben und im Sterben. Denn bei dir ist die Fülle des Lebens.

Ein modernes Gebet in der Weisheit des 23. Psalms

Gott
Du bist mein Reiseführer.
Du zeigst mir die Sehenswürdigkeiten des Lebens.
Mit dir darf ich eintauchen in die Fülle deiner Schöpfung.
Du leitest mich gut, denn es ist dein Wesen.
Du gibst mir neue Kraft.
Und wenn du mich zur Vollendung führst, so fürchte ich mich nicht.
Meine Ängste und meine Sorgen sind gut aufgehoben bei dir.
Sie können mir nichts anhaben.
Ja, mitten in der Finsternis zeigst du mir dein Licht.
Im Sterben lässt du mich noch einmal die ganze Fülle des Lebens schmecken.
Du öffnest mir die Augen.
Ich erkenne mich als dein geliebtes Kind.
So darf ich jederzeit an deinen reichgedeckten Tisch kommen.
Deine Güte und deine Gegenwart verlassen mich nicht.
Und wo mein Weg zu Ende geht, da komme ich heim.
Ich komme heim zu dir.
Ich bin Licht in deinem Licht.
Amen

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