Verrat!

Und da sie bei Tisch sassen und assen, sprach Jesus:
Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern,
einer, der mit mir isst.
Mk 14,18

Liebe Gemeinde

„Verraten – So ein Verräter!“ platzte es aus einem meiner ersten Konfirmanden heraus. Ich war noch Theologiestudent und begleitete eine Klasse ins Konflager. Wir beschäftigten uns in jener Unterrichtseinheit gerade mit dem Thema „Freundschaft“. Er erzählte vom Ende einer Freundschaft, die im Kindergarten begann und erst in der zweiten Oberstufe abrupt endete.

Sabrina war seine erste grosse Liebe. Weil er aber zu schüchtern war, sie anzusprechen, seine Gefühle aber doch raus mussten, klagte er sein Leid Peter. Dem Freund, den er aus dem Kindergarten kannte.  Seinem vermeintlich besten Freund. Den er jetzt nur noch Verräter schimpfte.

Was genau passiert war, wollte er mir auch später nicht erzählen. Es tut auch nichts zur Sache. Ich denke, wir alle können uns das Verschwiegene aus eigenen Erfahrungen in unserer Jugend dazu denken.

Als ich einige Jahre später, nun als junger Pfarrer, mit anderen Konfirmandinnen und Konfirmanden am gleichen Thema arbeitete, stellte ich ihnen, neben anderem, auch die Aufgabe einen Satz zu vervollständigen. „Einem Freund/Einer Freundin verzeihe ich nicht, wenn…“

Viele Antworten ähnelten sich. „Einem Freund verzeihe ich nicht, wenn er etwas weitererzählt, das ich ihm im Vertrauen erzählt habe.“ „Einer Freundin verzeihe ich nicht, wenn sie mein Vertrauen missbraucht.“ „Einem Freund verzeihe ich nicht, wenn er mich verrät.“

Es überraschte mich nicht, dass auch für die Konfirmandinnen und Konfirmanden von Meilen der Missbrauch einer Freundschaft zu deren Kündigung führt. Einen Freund zu verraten ist wohl etwas vom schlimmsten, dass man einer Freundschaft antun kann. Der Verrat ist das Ende jeder Beziehung.

Wenn wir uns heute Morgen mit diesem Abschnitt der Passionserzählung des Markus beschäftigen, schwingt auch unsere eigene Erfahrung mit dem Verrat mit. Die Erfahrung Zeugen des Verrates zu sein, wie die Jünger. Die Erfahrung verraten worden zu sein, wie Jesus. Aber auch die Erfahrung andere verraten zu haben, wie Judas Iskariot.

Markus erzählt. Jesus hält sich mit seinen Jüngern in Jerusalem auf. Gemeinsam wollen sie in der Stadt das Passamahl feiern. Das Fest, das an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei erinnert. Das Obergemach, in welchem sie feiern, wird auf wundersame Weise, oder doch auf Grund vorgängiger Absprachen – Die Forschung ist sich da nicht so sicher –  gefunden. Zwei Jünger bereiten alles vor.

Alle kommen zusammen. Das Festmahl beginnt. Ein Essen zwischen fröhlichem Beisammensein und Liturgisch-ritueller Erinnerung an die Befreiung.

Mitten in der Feier ergreift Jesus das Wort. Seine Jünger hören gebannt zu, in Erwartung einer tiefgreifenden Predigt. Doch was Jesus ihnen zu sagen hat, ist nicht erbaulich und schon gar nicht tröstlich.

„Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern, einer, der mit mir isst.“

Die gute Stimmung ist vorbei. Traurig schauen sich die Jünger an. Einem jeden von ihnen ist eine Frage ins Gesicht geschrieben: „Doch nicht ich?“

Nur einer der Zwölf ist der Verräter. Alle aber sind durch die Worte Jesu bestürzt. Ein jeder prüft sich selbst.

Wie würden Sie reagieren? Wäre die Frage der Jünger auch Ihre erste Frage?

Mir scheint die Reaktion der Jünger seltsam zu sein. Ich würde in so einer Situation wohl eher sagen: „Aber nicht ich!“ oder würde wütend fragen: „Wer ist der Verräter?“

Die Jünger aber prüften sich selbst.

Vielleicht erinnerten sie sich an das Jesus Wort „Wer in meinem Namen ein Kind aufnimmt …, nimmt mich auf.“ Gut möglich, dass sie sich dazu dachten: „Und wer es nicht aufnimmt, der verrät den Rabbi.“

Mag sein, dass sie sich in jenem Moment davor fürchteten ihn aus Unachtsamkeit und ohne Absicht verraten zu haben.

Bloss. Wenn sich schon die Jünger selbst prüften, sollten wir es ihnen da nicht gleichtun? Sollten nicht auch wir uns von Zeit zu Zeit fragen: „Habe auch ich Christus verraten?“ Oder – wem diese Form der Frage zu pathetisch ist: „Wie habe ich an meinen Mitmenschen gehandelt? Habe ich mich so verhalten, wie ich es wollte? Bin ich von meiner Meinung abgewichen, obwohl ich keine guten Gründe hatte. Bin ich mit mir selbst im Reinen?“

Manchmal lohnt es sich einen Moment innezuhalten und sich selbst solche Fragen zu stellen. Uns selbst zu prüfen.

Aber mit Mass. Es gibt auch ein sich selbst prüfen, das dem Leben hinderlich ist. Das bedrückt und traurig macht und nicht dazu dient ein besseres Leben zu führen. Schliesslich gab es nur einen Verräter unter den zwölf Jüngern. Die Chancen stehen gut, dass wir es nicht sind.

Jesus fährt fort: „Der Menschensohn geht zwar dahin, wie über ihn geschrieben steht, doch wehe dem Menschen, durch den der Menschensohn ausgeliefert wird.“

Jesus weiss um den Verrat. Er bleibt dennoch. Läuft nicht davon. Er geht mit dem Konflikt offen um. Ein Umgang, den ich mir auch in meinen Beziehungen wünsche. Erfrischend anders, als das sonst so oft geübte Totschweigen und hoffen, dass sich alles von alleine löst.

Wir neigen dazu statt miteinander zu reden, lieber mit anderen darüber zu reden. Aus Mücken Elefanten zu machen. Elefanten, die uns selbst zur schweren Last werden und unter deren Druck wir Konflikte erst recht nicht mehr lösen können. Wenn wir nicht mit den Betroffenen offen darüber reden, was uns stört, was uns Angst macht, so entwickeln unsere Ängste ein Eigenleben. Konflikte haben ihre eigene Dynamik. Eine Dynamik, die uns oft mitreisst.

Jesus geht mit dem Konflikt anders um. Er spricht ihn an. Spricht ihn dadurch aus. Das bietet Hand zum Gespräch. Eine Hand, die in diesem Fall nicht ergriffen wird.

Kann uns Christus so auch im Umgang mit Konflikten zum Vorbild werden? Einem Umgang mit Konflikten, der viel realistischer ist, als das weltfremde „dem halte auch die andere Backe hin“ der Bergpredigt?

Judas schlägt das Gesprächsangebot aus. Er bleibt ruhig sitzen, lässt sich nichts anmerken.

Noch ist sein Verrat erst geplant. Noch hat er Christus nicht verraten. Die doppelte Ansprache Jesus ist auch ein doppeltes Angebot zur Umkehr. Das Schicksal des Menschensohns ist zwar besiegelt, aber Judas muss nicht Teil davon sein. Er kann seinen Plan aufgeben. Kann sich entschliessen Jesus nicht zu verraten.

Die Freiheit, die Jesus Christus am Kreuz erringt, gilt schon jetzt. Sie gilt auch für Judas Iskariot. Judas kann frei wählen. Jesus hindert ihn nicht.

Anders als in der Erzählung des Verrates im Lukasevangelium, in dem es heisst: „Es fuhr der Satan in Judas mit Namen Iskariot, der zum Kreis der Zwölf gehörte.“ (Lk 22,1), bleibt Judas in der Erzählung des Markus frei in seinem Handeln.

Frei, das heisst auch, er ist verantwortlich für sein Handeln. Er kann die Verantwortung nicht auf einen anderen schieben. Er muss Verantwortung übernehmen.

Das Menschenbild, das Markus zeichnet, gefällt mir besser als jenes von Lukas. Judas kann etwas dafür. Er könnte auch etwas gegen den Verrat tun. Er ist nicht  vom Teufel besessen.

Drei Beobachtungen sind mir in diesem Text wichtig geworden:

1. Alle Jünger prüfen sich.

2. Jesus überrascht im Umgang mit dem Konflikt. Er spricht ihn an.

3. Judas bleibt auch im Verrat ein freier Mensch. Er kann sich für oder gegen den Verrat entscheiden.

Dennoch, die Geschichte vom Verrat bleibt sperrig.

Meine Konfirmanden habe aber eine Lösung gefunden, wie sie mit Enttäuschung und Verrat in Beziehungen umgehen. Sie erklärten mir, dass verzeihen möglich sei – wenn der Verrat nicht zu gross gewesen ist.

Drei Dinge sind nach ihrer Auffassung dazu nötig:

Erstens: Der Verräter, die Verräterin muss den Verrat zugeben. Der Fehler muss eingesehen werden. Was geschehen ist muss anerkannt werden.

Zweitens: Es muss bereut werden. Der andere muss zeigen, dass es ihm echt leidtut.

Wenn beides geschehen ist, dann ist als drittes ein Gespräch über das warum möglich. Vielleicht – aber nur vielleicht – mache dies verzeihen möglich.

So erklärten es meine Konfirmandinnen und Konfirmanden.

Doch, wenn der Verrat gross ist? Wenn er zu gross ist?

Was kann am Ende einer Predigt über den Verrat Christi gesagt werden? Was soll ich noch sagen?

Ich könnte davor warnen, einen anderen zu verraten. Aber das wäre Wasser in den Rhein getragen. Wir alle wissen: Verrat ist nie gut.

Gibt es etwas tröstliches zum Verräter, zur Verräterin zu sagen? Markus sagt „Nein!“

In diesem Verrat wird eine Grenze überschritten, über die es kein Zurück gibt.

Vielleicht ist aber gerade dies das Tröstliche:

Es gibt Grenzen, die unverrückbar festgesetzt sind. Grenzen, in deren Überschreitung nicht schon Vergebung zugesprochen wird. Grenzen, die ernst zu nehmen sind. Grenzen an denen Gott den Menschen ernst nimmt – Auch dessen Nein zu Gott.
Amen

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