Ein täglicher Gedanke in Zeiten des Virus – Tag 28

Wir wurden also mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit, wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt worden ist, auch wir in der Wirklichkeit eines neuen Lebens unseren Weg gehen. Wenn wir nämlich mit dem Abbild seines Todes aufs Engste verbunden sind, dann werden wir es gewiss auch mit dem seiner Auferstehung sein. Das gilt es zu erkennen: Unser alter Mensch wurde mit ihm gekreuzigt, damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde und wir nicht mehr Sklaven der Sünde seien. Denn wer gestorben ist, ist von allen Ansprüchen der Sünde befreit. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir fest, dass wir mit ihm auch leben werden. Denn wir wissen, dass Christus, einmal von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn. Sofern er starb, starb er der Sünde ein für alle Mal; sofern er aber lebt, lebt er für Gott. Das gilt auch für euch: Betrachtet euch als solche, die für die Sünde tot, für Gott aber lebendig sind, in Christus Jesus.
Röm 6,4-11

Liebe Gemeinde

Es war früh am Morgen. Der neue Tag begann sich erst langsam gegen die Finsternis der Nacht durchzusetzen. Und frischer Tau bedeckte die Landschaft rund um Jerusalem. Nichts erinnerte an die Gewalt und das Leiden, dass sich erst drei Tage zuvor, nicht weit von hier abgespielt hatte. Dort auf Golgatha sind kurz vor dem Passahfest, drei Verbrecher am Kreuz hingerichtet worden. Einer von ihnen mit Namen Jesus war wegen nichts geringerem als Gotteslästerung und der Anstiftung zur Unruhe angeklagt und verurteilt worden. Seine Gefolgsleute hatten ihn verlassen; und nur noch einige Frauen begleiteten ihn in dieser dunkelsten Stunde seines Lebens. Mit grossem Leid starb er und man legte seinen Leichnam in ein fremdes Grab.

Heute Morgen, gleich nach dem Ende des Passahfestes machten sich die Frauen auf, um ihrem ehemaligen Führer den letzten Liebesdienst zu erweisen und seinen Leichnam dem Ritus entsprechend einzubalsamieren.

Sie fanden den Weg kaum, denn vor Trauer waren ihre Augen voll Tränen. Als sie dann beim Grab ankamen, gelang es ihnen mit letzter Kraft den Stein vor dem Felsengraben wegzurollen und ins Grab einzutreten.

Nur langsam gewöhnten sich ihre Augen an das Dunkel der Grabeskammer und ob ihren Tränen sahen sie nur verschwommen.

Mehr tastend als sehend suchten sie den Weg zur Ruhestätte des Toten entlang der Wände der Grabeshöhle. Als sie sich der Steinplatte nährten auf den Sie drei Tage zuvor den Leichnam gebettet hatten, fanden sie ihn nicht. Stattdessen sahen sie in der Ecke eine helle Gestalt, die sich nun auf sie zu bewegte und zu ihnen sagte: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferweckt worden.“

Die Frauen haben begriffen, dass etwas Aussergewöhnliches geschehen ist. Etwas so aussergewöhnliches, dass auch wir uns zwei Tausend Jahre später immer noch an dieses Ereignis erinnern. Die Geschichte Jesu steht am Anfang unserer Kirche.

Der Tod und die Auferstehung Jesu Christi stehen im Zentrum des christlichen Glaubens. Darin ist sich die Theologie seit vielen Jahrhunderten einig. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass dies Folgen für unser kirchliches Leben hat. Eine spezielle Zeit, die Passions- und Osterzeit, beschäftigt sich im Kirchenjahr mit dem Tod und der Auferstehung Jesu. Nur die Vorbereitung auf das Weihnachtsfest der Advent, bestimmt eine ähnliche Zeitspanne, in unserem christlichen Leben.

Doch, wie ist der Tod Jesu eigentlich zu deuten? Wie ist es vorstellbar, dass Gott selbst stirbt? Und wozu denn?

Eine mögliche und in einigen Kreisen der Kirche sehr populäre Deutung, bezieht sich darauf, dass Christus wegen der Sünden der Menschen gestorben ist. Diese Vorstellung ist durchaus nicht falsch. Sie wird allerdings dort schwierig, wo wir die Sünde einseitig, als moralische Schuld verstehen. Denn wenn Sünde als moralische Schuld verstanden wird, dann ist diese Schuld gegenüber dem, dem sie geschuldet wird, abzutragen. Jemand muss für die Schuld bezahlen.

Macht es wirklich Sinn davon zu sprechen, dass Christus gestorben ist, weil ich moralisch nicht gut bin? Weil ich zum Beispiel nicht genügsam bin? Soll ich wirklich glauben, dass Jesus am Kreuz starb, weil ich letzthin zwei Schnitzel zum Mittagessen gegessen habe und mich nicht mit dem Notwendigen begnügt habe? Oder ist Christus gestorben, weil wir uns nicht immer an das Gesetz halten und auf der Autobahn auch mal etwas zügiger fahren, als es eigentlich erlaubt wäre?

Wenn wir den Tod Christi als Sühnetod zur Begleichung unserer moralischen Schulden bei Gott sehen und wenn wir unsere Schuld versuchen im alltäglichen Leben zu erkennen, dann wird die Deutung des Todes Jesu als Sühnetod eigenartig. Ja wir gelangen an einen Punkt, an dem dieser Tod ins Lächerliche gezogen wird. An dem wir eigentlich nicht mehr glauben können, dass dieser Tod etwas mit uns zu tun hat.

Die Deutung des Todes Christi als Sühnetod ist aber nur eine und wenn richtig verstanden, auch eine gute Deutung des Kreuzes. Eine andere Sichtweise finden wir bei Paulus. Die zentrale Aussage unseres heutigen Predigttexts kann kurz so zusammengefasst werden.

„Wir starben mit Christus, nun leben wir mit Christus.“

Paulus setzt der menschlichen Logik die ganz andere Logik Gottes entgegen. Christus stirbt nicht, damit viele Leben können, sondern wir sterben mit Christus und haben im Glauben Anteil an seiner Auferstehung.

Dieser Gedanke ist schwierig. Er erschliesst sich uns nicht von selbst. Um Paulus zu verstehen müssen wir uns mit seiner Deutung des Kreuzes auseinandersetzen. Das ist mühsam, lohnt sich aber, weil auch wir heute von diesem verstehen des Kreuzes profitieren können. Beschäftigen wir uns also mit Paulus.

Paulus stimmt seiner Umwelt darin zu, dass der Mensch grundsätzlich von Gott getrennt ist. Es besteht eine unüberwindbare Differenz zwischen Mensch und Gott. Der Mensch kann diese von sich aus nicht überwinden, denn er steht unter der Herrschaft der Sünde.

Dabei ist es entscheidend zu verstehen, dass Sünde nicht moralisches Fehlverhalten meint. Es geht nicht darum, dass der Mensch schlecht handelt und er es darum nicht vermag sich vor Gott gerecht zu halten in seinem Tun. Nein. Paulus und darin schliesse ich mich an, versteht unter der Sünde die Trennung des Menschen von Gott. Weil der Mensch von Gott getrennt ist, hat er keinen direkten Zugang zu Gott. Darin liegt die Sündhaftigkeit des Menschen. Diese Sündhaftigkeit ist uns allen gemeinsam.

Die Versuche der Griechen und Juden, die für die gesamte Menschheit stehen, von sich aus zu Gott zu gelangen müssen gerade an der Sünde, also der Trennung von Gott und Mensch, scheitern. Jedoch sieht die Welt dies nicht.

Dagegen setzt Gott nun von sich aus das Kreuz und die Auferstehung Christi. Am Kreuz wird dieses Unvermögen der Menschheit zu Gott zu gelangen offenbar, denn Gott offenbart sich am Kreuz gerade so, wie es die Welt nicht erwartet hat. Leidend, Einsam, Schwach und Tod.

Am Kreuz wird das Urteil über die Welt gesprochen. Das Wort vom Kreuz offenbart das höchste Vermögen der Menschheit, ihre Weisheit, als nichtig. Gott kann nicht in menschlicher Weisheit erfasst werden. Weder darin, dass er an der Schönheit der Schöpfung erkannt werden kann, noch dass er sich in der Geschichte mit seinem Volk finden lässt. Gott ist wohl in beidem wirksam, doch lässt sich kein Wissen über ihn daraus ableiten. Denn wäre er in der Schöpfung vollkommen zu erkennen, so hätte sein Kommen in der Welt mit Macht, Kraft, Herrlichkeit und Leben geschehen müssen; und dazu passt das Kreuz nicht.

Wäre das Sein Gottes aber aus seiner Geschichte mit seinem Volk zu erschliessen, so hätte das Kommen Gottes geschehen müssen mit der politischen Befreiung seines Volkes aus der Hand der Römer. Mit himmlischen Streitmächten wären die fremden Herrscher vertrieben worden und das Reich Gottes auf Erden errichtet worden. Gott wäre in königlicher Würde erschienen und nicht am Kreuz.

Das Wort vom Kreuz verurteilt jede menschliche Vorstellung von Gott.

Aber es bleibt nicht beim Urteil bestehen. Gott zieht sich nach der Auferstehung nicht in den Himmel zurück und überlässt seine Welt ihrem Schicksal, dem Tod. Gott wendet sich nicht ab von uns, sondern gerade am Kreuz vollzieht Gott die Wende in der Geschichte. Nicht länger will er exklusiv Gott eines Volkes sein. Nein, am Kreuz offenbart sich Gott als Vater seiner ganzen Schöpfung. Das Wort vom Kreuz sagt: Wir Menschen können nicht zu Gott kommen, doch Gott kommt zu uns. Er will uns begegnen und er ist uns begegnet. Er will uns retten und er hat uns schon gerettet.

Diese Wende vollzieht sich in einem kreativen und schaffenden Akt Gottes selbst. Denn Gott wendet das Geschehen am Kreuz. Die Menschheit schlägt in ihrem Unvermögen Gott zu erkennen Christus ans Kreuz. Es sind die Menschen die Gott töten. Diese endgültige Abkehr des Menschen von Gott, diese ultimative Trennung des Menschen von seinem Schöpfer, wandelt Gott in die endgültige Zuwendung seiner selbst zu den Menschen. Darin, dass er es passiv erduldet ans Kreuz geschlagen zu werden, schlägt er selbst die Menschen aktiv ans Kreuz, damit wir dort der Sünde, also der Trennung von Gott, absterben. Wir selbst sind mit Christus gestorben und wir werden mit ihm auferweckt an Ostern damit wir mit und in ihm leben.

Gott schafft den Menschen am Kreuz neu. Im Glauben mit Christus verbunden, gehören wir zu Gottes neuer Schöpfung mitten unter der alten Schöpfung. Im Glauben hat Gott unsere Sünde, also die Trennung von ihm, überwunden. Weil er diese Trennung überwunden hat, können nun auch wir zu Gott gelangen. Er ist in unserem Leben gegenwärtig, wenn wir an Christus glauben im Leben. Weil wir der Sünde gestorben sind, leben wir nicht mehr in Richtung auf unseren Tod hin, sondern wir leben in Richtung auf unseren himmlischen Vater hin.

Wenn die beiden Frauen am Ostermorgen noch im Morgengrauen zum Grab kommen, nur das leere Grab Jesu und einen Engel, der ihnen das geschehene erklärt, dort vorfinden, dann sind sie nicht nur die ersten Zeuginnen der Auferstehung Christi. Vielmehr wird ihnen klar, dass Gott selbst eingegriffen hat. Ihre Trauer über Jesu wandelt sich in Freude über die Auferstehung Christi. Ihre Tränen der Seelennot werden zu Tränen der Begeisterung. Voll Freude eilen sie weg vom Grab und verkünden die frohe Botschaft allen Menschen.

Wenn wir heute diese Geschichte hören, dann freuen auch wir uns mit den Frauen die vom Grab weggehen. Im Anbrechen des Lichts des neuen Tages, im Bericht vom leeren Grab, erkennen wir, dass auch wir hineingenommen sind in die Geschichte Jesu. Wir beginnen glaubend zu verstehen, dass dieses Licht nicht nur die Auferstehung Jesu betrifft. Nein dieses Licht lässt auch uns ahnen, dass wir nicht länger dem Tod verfallen sind, sondern unser Leben hin zu Gott führt. In diesem Licht sehen wir ahnend, dass auch wir zu neuem Leben gerufen werden und dass Gott auch unseren Tod überwinden wird.

Denn sind wir mit Christus gekreuzigt, so werden wir auch mit ihm leben.
Amen

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