Ein täglicher Gedanke in Zeiten des Virus – Tag 37

Was ich euch im Dunkeln sage, das sagt im Licht. Und was ihr ins Ohr geflüstert bekommt, das ruft aus auf den Dächern.
Mt 10,27

Wissen Sie, was ich an Kirchen sehr schätze? Es ist die Ruhe. Selbst in einer pulsierenden und lärmenden Stadt finde ich in ihnen Orte der Stille. Gerne setze ich mich für einige Augenblicke hin und lausche. Ich lausche der Stille. Schritte, Flüstern oder auch nur das Umblättern einer Seite im Gesangbuch klingen in dieser Stille intensiver. Ich höre meinen Gedanken zu. Mitunter sind sie so laut, dass sie die Stille der Kirche übertönen. Denn hier überlagert sie nichts. Nicht das Brummen eines Automotors. Nicht das Pfeifen des Windes in den Hausecken. Nicht das Zwitschern der Vögel oder das Summen der Bienen. Es braucht Zeit, damit sich meine Gedanken beruhigen. Es braucht Zeit, dass ich die Stille höre. Es braucht Zeit, bis ich ganz und gar in die Ruhe eintauche.

Wo es mir gelingt, verändert sich das Erleben des Ortes. Die leere Kirche wird zum Erlebnis. Sie ist nicht länger nur leerer Raum, sondern sie fühlt sich voll an. Die Stille in ihr ist nicht mehr still, sondern sie klingt. Die Zeit scheint langsamer zu vergehen. Fast steht sie still. Der Augenblick wird zur Ewigkeit. Ich bete. Es betet in mir. Ein wortloses Gebet.

Kirchen sind Orte der Stille, der Einkehr und des Gebetes. Das ist gut so. Sie sind es auch in Zeiten der Corona-Krise. Vielleicht sind sie es nun mehr als sonst. Sie haben ihren Wert, weil sie nicht zum Alltag und seiner Betriebsamkeit gehören. Sie sind Orte des ganz Anderen. Sie sind Unorte, die der Welt enthoben sind. Sie gehören nicht zur Welt und nicht zum Himmel, sondern schweben dazwischen. Kirchen sind deshalb Zwischenräume.

Die meisten Menschen fühlen dies. Sogar ich als reformierter Theologe, der am Kirchenraum doch nicht mehr sehen sollte als einen Raum, der erst im Gottesdienst zum besonderen Raum wird. Aber Kirchenräume sind mehr als Räume. Kaum ein Mensch kann sich ihrer Wirkung entziehen. Wer eine Kirche betritt, spricht leiser, geht achtsamer und bewegt sich rücksichtsvoller. Der Ort wirkt. Sein Geheimnis wirkt.

Gewiss, das Göttliche ist an allen Orten und auf der ganzen Welt präsent. Gottes Kraft wirkt in und durch alles. Es scheint mir aber, dass wir ihre Gegenwart in Kirchen eher wahrnehmen. Vielleicht ist in ihnen der Nebel des Alltags ein wenig dünner. Vielleicht kann unser Herz ihn besser durchdringen. Vielleicht wirkt sich die Stille auch auf unsere Wahrnehmung aus.

Kirchen sind Orte des Schweigens. Das ist gut so. Wir brauchen sie. Wir brauchen die Ruhe in ihnen. Als Orte des Geheimnisses des Göttlichen wirken sie auf uns.

Doch werden diese Orte des Schweigens erst dann zu Kirchen, wenn sie auch Orte des Redens über dieses Schweigen sind. Das Geheimnis, dass in ihnen spürbar wird, muss in ihnen zur Sprache kommen. Es muss zur Botschaft werden, soll es nicht im Dunklen vergessen werden. Was ehrfürchtig in ihnen geflüstert wird, soll von den Dächern gerufen werden. Erst im Gottesdienst wird die Kirche zur Kirche.

Diese Gottesdienste sind zurzeit nicht möglich. Das ist angesichts der Situation richtig. Das Versammlungsverbot ist dem Virus geschuldet. Als Kirche eine Ausnahme zu fordern, wäre falsch und dumm. Die Fernsehgottesdienste und die Internetandachten ersetzen den Gottesdienst der Ortsgemeinde nicht, aber sie halten die Erinnerung wach. Sie bringen zur Sprache, was im Geheimnis des Glaubens erlebt wird. Sie suchen nach Worten, für das Flüstern des Göttlichen in unseren Herzen. Sie weisen auf das unsichtbare Wirken des Heiligen Geistes.

Ja, Kirchen sind Orte der Ruhe und der Stille. Sie sind Orte der Kontemplation und des Suchens nach dem Geheimnis des Glaubens. Sie bringen das Unsagbare zur Sprache. Sie machen sichtbar, was im Verborgenen geschieht. Sie sind Kirchen, weil in ihnen das göttliche Licht der Welt gezeigt und sein Wort in die Welt gerufen wird.

Wir sind Kirche, wenn wir reden und nicht schweigen. Wir sind Kirche, wenn wir die Liebe Gottes in der Welt leben und sie nicht für uns behalten. Wir sind Kirche, wenn wir seine Gemeinschaft leben und sein Wort in die Welt tragen.

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