Ein täglicher Gedanke in Zeiten des Virus – Tag 46

Deinen Willen zu tun, mein Gott, ist mir eine Lust, und deine Weisung trage ich im Herzen.
Ps 40,9

Eine Mühle brennt und zerstört, was gar nicht existieren durfte. Siggi Jepsen, noch mehr Knabe als Jugendlicher, sieht sein Lebenswerk zerstört. Seine Schuldgefühle werfen ihn aus der Bahn. Einige Jahre später, an der Schwelle zum Erwachsenleben, wird Siggi in eine Erziehungsanstalt gesteckt. In der Deutschstunde soll er einen Aufsatz schreiben. «Die Freuden der Pflicht». Er sitzt vor dem leeren Heft. Er kann nicht schreiben. Nicht weil ihm dazu nichts einfällt, sondern weil seine ganze Lebensgeschichte auf ihn einstürzt.

Als ich das Gymnasium besuchte, gehörte der Roman «Deutschstunde» von Siegfried Lenz zur Pflichtlektüre. Mit über 400 Seiten ein gewichtiges Werk. Die Pflicht es zu lesen und über die Lektüre eine Prüfung zu schreiben konnte einem schon etwas erschrecken. Die Pflicht ist nicht von vornherein eine Lust. Doch die Erzählung wurde mir zu einer Begleiterin in der Schulzeit.

Ich weiss nicht mehr, wie der Roman mich in seinen Bann zog, doch die Frage beschäftigte mich, die im Hintergrund mitschwang. Nach welcher Autorität richte ich mein Handeln?

Siegfried Lenz siedelte seinen Roman im Norden Deutschlands an. Zur Zeit des Nationalsozialismus. Schon aus dieser historischen Verortung wird die Dringlichkeit der Frage deutlich. Im Zentrum des Romans stehen drei Personen und ihre jeweiligen Beziehungen zueinander. Siggi Jepsen, die Hauptperson, ist der Sohn von Jens Ole Jepsen, dem Dorfpolizisten und dem damit zuständigen Organ für die Umsetzung der Gesetze und Weisungen des Naziregimes. In dieser Funktion verfolgt er den Maler Max Ludwig Nansen, dessen Werk von den Nazis als entartet eingestuft worden war und dem das Malen deshalb verboten wurde. (In der Figur des Max Ludwig Nansen wird auf den Maler Emil Nolde angespielt. Dessen Verquickung mit der NSDAP war zur Zeit der Entstehung des Romans noch nicht bekannt, so dass ihm Siegfried Lenz mit dieser Figur ein Denkmal als aufrechten Künstler setzte.)

Natürlich hielt sich Max Ludwig Nansen nicht an das Malverbot. Er malte im Geheimen weiter. Dies vermutete Jens Ole Jepsen natürlich. Schliesslich kannte er den Maler seit seiner Kindheit und ist mit ihm befreundet. Trotz der Freundschaft wiedersetzt er sich den Anordnungen seiner Vorgesetzten das Malverbot umzusetzen nicht. Ganz im Gegenteil. Er spannt seinen Sohn Siggi als Spitzel ein. Dieser gerät dadurch in einen ethischen Konflikt. Nach welcher Autorität soll er sich richten?

Als Sohn sollte er dem Vater gehorchen. Als Freund des Malers darf er ihm nicht schaden. Als Sohn seiner Mutter soll er der Familie keine Schande machen. Als Jugendlicher will er frei sein und dennoch seine Pflicht tun.

Siggi Jepsen folgt seinem Herzen. Er stiehlt die Bilder, damit sie sein Vater nicht beim Maler finden kann. Er rettet sie vor der Zerstörung durch die Nazis. In einer Mühle bringt er sie in Sicherheit. Sie sollen der Welt erhalten bleiben.

Im Roman gerät die Mühle in Brand. Die Bilder wurden zerstört. Ironie des Schicksals. Siggi wird aus der Bahn geworden. War es recht was er tat? War es recht, obwohl durch ihn die Bilder letztlich zerstört wurden?

Ich meine, er handelte aus guten Motiven. Er folgte keiner weltlichen Autorität, sondern erkannt in den Bildern seines Freundes einen höheren Wert – in seinem Fall die Kunst. Ich fühlte mit ihm.

Und dennoch stehe auch ich vor der Frage: Von welchen Werten lasse ich mich leiten? Stehen sie im Einklang mit dem Willen Gottes? Sind sie gut und richtig, selbst wenn ein Zufall ihre Wirkung ins Gegenteil verkehren würde?

Was sind ihre Werte?

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