Ein täglicher Gedanke in Zeiten des Virus – Tag 66

Du zeigst mir den Weg des Lebens, Freude in Fülle ist vor dir, Wonne in deiner Rechten auf ewig.
Ps 16,11

Vor rund 235 Jahren wurden in Deutschland zwei Brüder geboren. Jacob und Wilhelm wurden sie genannt. Von Kindesbeinen an waren sie unzertrennlich. So war es denn auch nicht verwunderlich, dass sie gemeinsam studierten und nach dem Studium als Team ihre Forschungsarbeit aufnahmen. Dies wäre an sich nicht bemerkenswert, hätten sie es sich nicht zur Aufgabe gemacht ein Stück Alltagskultur als Grundlage ihrer Forschungsarbeit festzuhalten. Sie begannen Märchen zu sammeln.

Vielleicht kennen Sie sie? Ja, bestimmt kennen Sie sie! Zumindest ihre Märchensammlung. Es sind die Brüder Grimm.

Ein Märchen in ihrer Sammlung handelt vom Schlaraffenland. Seine Bewohner leben wie im Paradies. Sie müssen sich um nichts kümmern. Sie faulenzen den ganzen Tag. Wenn sie durstig sind, laben sie sich an Flüssen von Milch und Honig. Wenn sie Hunger haben, öffnen sie nur den Mund und schon fliegen ihnen die leckersten Speisen in mundgerechten Bissen zu. Es ist herrlich. Als ob man einen schönen Traum träumt!

Doch die Idee des Schlaraffenlands stammt nicht von den Brüdern Grimm. Sie waren keine Märchenerfinder. Sie sammelten lediglich, was ihnen die Menschen erzählten. Die Vorstellung eines solchen Wunderlands scheint unter den Menschen weit verbreitet. Schon vor dem Märchen des Schlaraffenlands wurde von solchen Zuständen geträumt, wie sie das Märchen erzählt.

Vergil, der römische Dichter, übernahm bereits eine ähnliche Vorstellung vom griechischen Geschichtsschreiber Herodot. Er baute sie in sein Werk Aeneis ein und nannte diese Zeit das goldene Zeitalter. Er stellte sich eine idealistische Zeit am Anfang der Geschichte der Menschheit vor. Mensch und Natur lebten in Harmonie. Der Mensch ist gut. Das Gesetz vollkommen und gerecht. Krankheit und Altersgebrechen gibt es nicht.

Der römische Kaiser Augustus soll sich dieses Ideals der goldenen Zeit als Ziel seiner Herrschaft gesetzt haben. Er unternahm grosse Anstrengungen durch Reformprojekte und militärische Mittel eine ausgedehnte Friedenszeit unter seiner Herrschaft entstehen zu lassen. Die Pax Romana (der Römische Frieden) unter ihm wurde er auch als Frieden des Augustus bezeichnet. Das Römische Reich blühte in diesem Frieden auf. Doch blieb es ein Frieden unter Waffengewaltet. Gerade in Palästina spürten dies die Menschen. Das römische Heer war omnipräsent.

Vielleicht spielt gar die Weihnachtsgeschichte, wie sie das Lukasevangelium berichtet, auf diesen Frieden an. Sie erwähnt den Kaiser und lässt den Engelschor Gott loben: «Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter den Menschen seines Wohlgefallens.» Das goldene Zeitalter, wie es Augustus vorschwebt, kollidiert mit der Vorstellung des Himmelsreichs, wie es uns Christus offenbart.

Doch die Antike wirkte nach. Mit ihr auch der Traum eines goldenen Zeitalters. Im 16. Jahrhundert inspirierte die Vorstellung des goldenen Zeitalters den Maler Lucas Cranach den Älteren zu einem Ölgemälde (Man findet es leicht im Internet. Hier der Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Goldenes-Zeitalter-1530-2.jpg)

Vor einiger Zeit habe ich es mit einer Gruppe Schülerinnen und Schüler betrachtet, ohne ihnen vom goldenen Zeitalter zu erzählen. Was denken Sie? Wie haben sie es interpretiert? Was fiel ihnen als erstes ein? Sie ahnen es bestimmt schon. Es war die Erzählung vom Paradies, dem Garten Eden, aus dem zweiten Schöpfungsbericht.

Es lässt sich zwar nicht nachweisen, aber ich kann mir vorstellen, dass die Vorstellung vom Paradies, dem goldenen Zeitalter und dem Schlaraffenland durchaus miteinander zusammenhängen. Der römische Kaiser Augustus versucht durch politische Massnahmen ein neues goldenes Zeitalter einzuläuten. Die mittelalterliche Kirche will das Paradies durch Religion und gute Taten der Gläubigen wiedererstehen lassen. Der moderne Mensch versucht durch technische Innovation und Erfindungsgeist die Welt zu einem Schlaraffenland zu machen.

Allen ist die Vorstellung gemein, dass die jeweilige Gegenwart durch Anstrengung des Menschen zu einer besseren Zukunft gemacht werden könne. Ihre Ziele liegen jeweils in der Zukunft. Der Weg ist hart und lang. Er verlangt dem Menschen grosse Anstrengung ab.

Doch alle drei scheitern. Jeder menschliche Versuch das Reich Gottes auf Erden zu schaffen ist menschlicher Hochmut und Grössenwahn. Der Mensch vermag es nicht. Nicht in der Gegenwart und nicht in der Zukunft.

So wird die Weihnachtsgeschichte zur Kritik an der Friedens-, Schlaraffenland- und Paradiesfantasie des Menschen. Doch bleibt die Erzählung der Geburt Jesu nicht bei der Kritik stehen. Sie verkündet Frieden. Doch nicht menschlichen Frieden, sondern göttlichen Frieden. In der Geburt des Kindes im Stall beginnt dieser Frieden. Denn in Jesus Christus bricht das Reich Gottes an. Es ist sein Reich, das Wonne und Freude in Fülle verspricht.

In Christus haben wir Anteil an diesem Reich. Nicht erst in einer fernen Zukunft. Nicht erst nach unserem Ableben. Nicht erst am Ende der Zeit. Sondern hier und jetzt.

Das Reich Gottes ist in Jesus angebrochen. Der Weg ist nicht Mühsal und Anstrengung wie beim Programm des Kaisers August, der mittelalterlichen Kirche oder der modernen Vorstellung dies durch Technik und Wissenschaft zu erreichen. Der Weg selbst gehört im Vertrauen auf Christus schon zum Reich Gottes. Im Glauben ist uns Freude und Wonne geschenkt. In Jesus ist Leben in Fülle. Er zeigt uns den Weg. Er ist der Weg. Er ist das ewige Leben.

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