Ein täglicher Gedanke in Zeiten des Virus – Tag 70

Und es geschah, während sie miteinander redeten und sich besprachen, dass Jesus selbst sich zu ihnen gesellte und sie begleitete.
Lk 24,15

In unsrer Kirche in Veltheim ist im Chor ein Bild in eines der Fenster eingelassen. Es zeigt drei Männer, die durch ein Ährenfeld gehen. Sie sprechen miteinander. Im Bild ist der oben abgedruckte Vers in Kurzform eingelassen. Er lautet schlicht: «Und Jesus wandelte mit ihnen!» Das Bild verweist auf die Geschichte der Emmaus Jünger.

Zwei Jünger sind auf dem Weg nach Emmaus. Auf dem Weg treffen sie einen Fremden an. Er wandert mit ihnen. Sie kommen ins Gespräch und erzählen dem Fremden von Jesus, Karfreitag und Ostern. Sie teilen ihre Verwunderung mit ihm. Sie hören ihm zu. Doch erkennen sie ihren Begleiter nicht. Erst als er das Brot mit ihnen bricht, erkennen sie im Fremden den auferweckten Herrn. Jesus war mit ihnen auf dem Weg.

Die Geschichte der Emmaus Jünger ist für mich ein Sinnbild, was es heisst Christ bzw. Christin zu sein. Das Bild in unserer Kirche ist das Programm unseres Kircheseins. Fünf Punkte sind mir besonders wichtig. Ich werde sie im Folgenden auflisten. Die Liste ist nicht abschliessend gemeint, ich bin aber davon überzeugt, dass keiner der genannten Punkte fehlen kann.

1. Die Jünger sind gemeinsam auf dem Weg

Christ ist man nicht für sich. Man ist es in Gemeinschaft mit anderen. Christsein heisst mit anderen verbunden zu sein. Als Christinnen und Christen nehmen wir uns gegenseitig wahr. Wir unterstützen uns und helfen uns gegenseitig. In Christus ist niemand allein.

Das heisst nicht, dass wir ständig beieinander sein müssen. Wir halten es auch gut einmal alleine aus und wenn es sein muss, können wir aus Rücksicht auch auf den Gottesdienst verzichten, nicht nur in der Corona-Zeit. Aber wir wissen, wir sind nicht allein. Wir dürfen darauf vertrauen, dass wir in der Not Hilfe, in der Einsamkeit Gemeinschaft und in der Trauer Trost finden.

Als Christinnen und Christen sind wir auf dem Weg. Wir wissen, wir sind nicht am Ziel. Unser Ziel ist nicht von dieser Welt. Aber es wirkt schon jetzt. Das Ziel ist Teil des Weges, denn Jesus ist mit uns auf dem Weg. Auch wenn wir ihn nicht erkennen, ist er doch da. Er wirkt auch in fremder Gestalt.

Selbst wenn wir einsam und allein sind, ist er doch da. Er hält an seiner Weggemeinschaft mit uns fest. Er geht mit.

2. Die Jünger teilen Geschichten

Auf dem Weg erzählen sie sich gegenseitig was passiert ist. Sie versuchen das Erlebte und Gehörte zu verstehen. Es sind viele Geschichten, die sie zu berichten haben. Auch über Jesus erzählen sie einander. Es ist nicht eine Geschichte, sondern es sind viele Geschichten.

Als Gemeinschaft der Christinnen und Christen erzählen, lesen, hören und erinnern wir uns an Geschichten von Gott. Es gibt nicht die eine Geschichte, sondern es sind viele. Denn Gott begegnet uns in vielerlei Gestalten. Wir können und wir sollen uns kein Bild von ihm machen. Aber wir sollen in tausend Geschichten von ihm erzählen. Keine Geschichte fasst ihn ganz, aber im Erzählen begegnet er uns. Mit jeder Geschichte erkennen wir ihn ein wenig mehr. Er offenbart sich uns Stück für Stück.

So ist es gut, dass es nicht ein Evangelium gibt. Es braucht vier. Ein jedes erzählt vom gleichen Jesus, doch erzählen sie ganz unterschiedliche Geschichten. Gott lässt sich nicht festlegen. Er schreibt seine Geschichte mit uns beständig neu.

Im Erzählen und Erinnern der alten Geschichten entstehen neue Geschichten. Im Erzählen wird Gott gegenwärtig. Im Nachdenken und Sinnen über sie wirkt Gott an uns.

3. Die Jünger erzählen die Geschichten weiter.

Auf dem Weg treffen sie einen Fremden. Sie kommen ins Gespräch und beginnen ihm die Geschichten über Jesus zu erzählen. Was passiert ist, ist kein Geheimnis. Das Wissen um Gott kann offen erzählt werden. Es darf und soll geteilt werden. Gerade auch der Fremde soll von Jesus und dem Wirken Gottes hören.

Dabei ist es wichtig, dass Geschichten erzählt und nicht Gott erklärt wird. Nicht wir Christinnen und Christen wissen wer Gott ist und was er will. Wir können ihn nicht erklären. Er bleibt auch uns ein Rätsel. Denn wir besitzen Gott nicht. Er bleibt uns gegenüber frei. Aber er schenkt uns seine Geschichten. Im Erzählen wird er gegenwärtig. Im Teilen der Geschichten wird Gott zum Ereignis.

Als Kirche sollen und müssen wir Gott nicht erklären, aber wir sollen und müssen von ihm erzählen, denn sein Geheimnis wirkt unter und durch  Erzählen.

4. Die Jünger hören dem Fremden zu

Das Erlebnis der Jünger auf dem Weg nach Emmaus bleibt nicht dabei stehen, dass sie ihre Geschichten erzählen. Sie hören dem Fremden zu. Obwohl er scheinbar noch nie von Jesus, und was sich in Jerusalem zugetragen hatte, gehört hat, nehmen sie seine Gedanken über die Geschichten doch ernst. Sie hören zu, als er ihnen darlegt, wie ihre Geschichten mit dem Alten Testament zusammenhängen und dass in Jesus Christus Gottes Verheissung erfüllt ist. Sie hören dem Fremden zu, obwohl sie ihn nicht erkennen.

Als Christinnen und Christinnen sollen wir zu hören. Wir dürfen die Geschichten hören, die andere uns erzählen. Wir müssen sie nicht für bare Münze nehmen, wir dürfen durchaus kritisch sein. Aber wir sollen zuallererst einmal zuhören. Im Zuhören nehmen wir unsere Mitmenschen wahr. Wer zuhört ist empathisch. Wer seinem nächsten mitfühlend zuhört, dem kann es passieren, dass er dabei Jesus selbst begegnet. Denn sagt nicht Jesus: «Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan»? (Mt 25,40)

5. Die Jünger teilen das Brot

Am Abend teilen die Jünger ihr Brot mit dem Fremden. Da wird ihnen klar mit wem sie unterwegs waren. Das Teilen des Brotes ist doppeltes Geschehen. Auf der einen Seite ist es Geste der Nächstenliebe. Die Jünger teilen das Brot, das den Körper nährt mit ihrem Weggefährten. Auf der anderen Seite ist es Gemeinschaft mit Gott. Im Teilen des Brotes feiern wir das Abendmahl. Wir sind eingeladen an den Tisch unseres Herrn. In der Gemeinschaft mit Gott verwandelt sich das Brot und wird zum Brot des Lebens. Im Teilen des Brotes bricht das Himmelreich an. Das himmlische Festmahl bricht in die Welt hinein. Im Abendmahl berühren sich Himmel und Erde.

Was heisst dies nun für unser Christsein in unserer von Corona geprägten Gegenwart?

Wir sollen Weggemeinschaft sein, auch wenn wir nicht miteinander auf dem Weg sein können. Wir sollen die Geschichten von Gott erzählen, hören und erleben, auch wenn wir sie nicht im Gottesdienst teilen können. Wir sollen seine Geschichte weitererzählen und so Zeuginnen und Zeugen seiner Gegenwart sein, wo immer dies im Moment auch möglich ist. Wir sollen einander zuhören und uns zu jeder Zeit auch für den Fremden Zeit nehmen, denn social distancing ist nicht emotional distancing. Wir sollen das Brot teilen. Wegen Corona nicht das Brot des Abendmahls, aber doch soweit, dass wir uns geistig verbunden wissen und das Brot zum Beispiel in Form von Spenden an Hilfsorganisationen mit der Not der Welt teilen.

Corona macht unser Kirchesein nicht unmöglich. Es verändert nur seine Form. Denn Jesus geht mit uns.

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