Der Bergführer

Der HERR ist dein Hüter, der HERR ist dein Schatten zu deiner Rechten.
Ps 121,5

Liebe Gemeinde

Die 9. Klasse und mit ihr das Ende der obligatorischen Schulzeit lag nur noch wenige Wochen vor uns Schülerinnen und Schülern der Sek 3a. Bald würde unsere Klasse in alle Himmelsrichtungen verstreut werden. Einige meiner Mitschülerinnen und Mitschüler starteten nach den Sommerferien in die Lehre. Einige wenige von uns wechselten an eine weiterführende Schule. So verschieden wir waren, so verschieden war auch die Zukunft, die vor uns lag. Unbewusst wussten wir wohl alle, dass sich die meisten von uns über früher oder später aus den Augen verlieren würden. Abschied lag in der Luft.

Abschied nehmen heisst noch einmal eine intensive Zeit miteinander zu verbringen. Dies wollten uns unsere Lehrer ermöglichen. Eine letzte Schulreise sollte uns den Raum dazu öffnen. Gemeinsam mit unseren Begleitern fuhren wir in die Berge. Eine Wanderung stand auf dem Programm. Höhepunkt der Reise sollte eine Gletscherüberquerung bilden.

Ohne fachmännische Begleitung ist eine Gletscherüberquerung ein Spiel mit dem Leben. Man braucht einen Bergführer, der den Eisstrom und seine Spalten kennt und seine Gäste auf sicheren Pfaden über das Eis führt. Deshalb hatte einer unserer Lehrer bereits im Voraus einen Bergführer engagiert. Wir sollten ihn an jenem Bahnhof der Rätischen Bahn treffen, an dem unsere Wanderung begann.

Ich weiss nicht mehr, wie es dazu kam, ob wir zu früh, oder er zu spät waren, aber wir mussten auf ihn warten. Vermutlich gar nicht so lange, wie es mir heute in der Erinnerung vorkommt, aber das Warten war uns Schülerinnen und Schülern eine Qual. Wir wollten los!

Wir haben auf unsere Lehrer eingestürmt: «Sie! Sie! Herr Lehrer! Lueged Sie da uf dem Wegwiser isch au euse Gletscher agä!» «Könned mir nöd scho los? De Bergfüerer holt eus bestimmt i!» «Lueged Sie mal, das isch doch en guet usbaute Wäg. Völlig sicher!» «Warum no warte? Wänn dörfed mir starte?»

Doch unsere Lehrer sind hart geblieben. «Nei, mir händ da mit dem Bergfüerer abgmacht. Er chunt bestimmt grad. Spaared eu euri Chräft für de Ufstieg!», sagten sie.

Endlich ist er gekommen, vermutlich nicht einmal zu spät. «Tschau zäme. Ich bi de Urs Capun, eue Bergfüerer!», stellte er sich vor. «Säged mir Urs!»

Wir Jugendliche fanden es unglaublich cool unseren Bergführer duzen zu dürfen. Er wies uns auf den Wanderweg, notabene jenen Weg, den auch wir Schülerinnen und Schüler schon vorgeschlagen hatten. Vergnügt wanderten wir los. Bald waren unsere beiden Lehrer mit Urs in ein Gespräch vertieft. Uns Jugendliche interessierte es weniger, was er über die Natur mit ihren Tieren und Pflanzen und die Berge um uns herum zu berichten hatte. «Schade», denke ich heute, aber damals waren andere Themen für mich und meine Kameraden wichtig.

So vergassen wir bald, dass Urs überhaupt existiert. Wir waren auf dem Weg. Er war gut ausgebaut. Es war leicht sich auf ihm zu orientieren. Nur selten zweigte sich der Weg auf. Bei jeder Weggabelung stand ein Wegweiser, der über die verschiedenen Wanderrouten Auskunft gab. Auch ohne unseren ortskundigen Begleiter hätten wir den Weg leicht gefunden.

Allmählich stieg der Weg Bergauf. Der Wald wurde dünner. Bald waren es mehr einzelne Bäume als Wald. Schliesslich wuchsen nur noch Sträucher. Wir hatten die Baumgrenze erreicht.

Aus dem breiten und gekiesten Wanderweg war ein schmaler Pfad geworden. Wir folgten dem Trampelpfad weiter Bergan. Wo es flacher wurde, verlor sich mitunter der Trampelpfad. Wir stapften mehr oder weniger über eine Wiese. Nur noch die weiss-rot-weiss gestreiften Markierungen des Bergwanderwegs wiesen uns den Weg. Es gab keine Wegweiser mehr. Die Markierungen waren direkt auf grosse Steine oder Felsen gepinselt. Manche schon so vom Wetter verwittert, dass man sie kaum mehr erkannte.

Vermutlich begannen einige von uns zu ahnen, dass es doch gut war, dass wir auf unseren Bergführer gewartet haben. Andere, zu denen auch ich gehörte, waren sich sicher, dass auch sie die Zeichen richtig zu deuten wussten. Schliesslich standen wir am Ende der Schulzeit. Wir hatten alles gelernt, was es zu lernen gibt! Die Welt liegt uns zu Füssen. Keine Herausforderung schien uns zu gross, als dass wir sie nicht überwinden könnten.

Auf der Höhe der Seitenmoräne des Gletschers machten wir Rast. Etwa hundert Höhenmeter unter uns sahen wir den Gletscher. Von nun an sollte uns der Weg über den Eisstrom wieder talwärts führen.

Am Himmel bildeten sich einige Wölkchen. Wir beachteten sie kaum. Nur einer blickte mit Sorgen zum Himmel auf. Urs, unser Bergführer!

Als wir nach der Rast zum Gletscher aufbrechen wollten, richtete Urs das Wort an uns. Die Wolken über uns bereiten im Sorgen. Ein Gewitter sei nicht auszuschliessen. Dann sei es auf dem Gletscher sehr gefährlich. Bis zum Gletscher sei es rund eine halbe Stunde. Je nachdem könne es sein, dass sich die Lage so entwickle, dass wir umkehren müssen.

Mit gemischten Gefühlen begannen wir den Abstieg. Bald kam das Eis näher. Unser Bergführer führte uns an den letzten Schneehaufen des vergangenen Winters vorbei. Der Boden wurde immer mehr von grobem Kies bedeckt und selbst Gräser fanden darin keinen Halt zum Spriessen. Schliesslich erreichten wir das Ende des Abstiegs. Der Gletscher lag in Griffweite. «Zum ersten Mal im Leben einen Gletscher betreten!», dachte ich und war voller Vorfreude.

Doch Urs blickte zum Himmel und traf seine Entscheidung: «Mir müend umkehre!» Wir Schülerinnen und Schüler protestierten. So nahe am Ziel. Wenigstens eine kleine Runde über das Eis! Doch unser Bergführer blieb hart. Er fühlte in jenem Moment wohl die Last der Verantwortung.

Murrend kehrten wir um. Die Wolken wuchsen und wechselten allmählich von lichtem weiss in ein leichtes grau. Am Rastplatz vorbei führte uns der Weg zurück in den Wald. Noch lag viel freie Fläche zwischen uns und den ersten Bäumen. Das Grau wurde dunkler und es roch elektrisch. Wir erreichten gerade den Wald, als die ersten Tropfen fielen. In einem Unterstand der Waldarbeiter fanden wir Schutz. Es regnete wie aus Kübeln. Kurz, aber heftig. Urs hatte richtig entschieden.

Mir scheint es, unser Weg als Christinnen und Christen mit Gott habe viel gemein mit dieser Wanderung.

Es gibt die Zeit, in der ich mit Gott unterwegs bin, wie wir damals mit Urs auf dem Wanderweg waren. Vermutlich ist das sogar die meiste Zeit unseres Lebens der Fall! Und das ist gut so!

Wir hätten den Weg auch ohne unseren Bergführer wunderbar gefunden. Ja, wir haben mitunter ganz vergessen, dass er überhaupt da war. Was er uns über die Berge und ihre Tiere- und Pflanzenwelt zu erzählen hatte, das hat uns nicht wirklich interessiert. Es ist gar nicht nötig gewesen, um voranzukommen. Nur unsere Lehrer haben sich um ihn, und das was er zu erzählen hatte, gekümmert.

Die Welt kommt wunderbar voran auch ohne himmlischen Bergführer. Wir finden unseren Weg auch allein. Im Allgemeinen brauchen wir Gott nicht, der uns sagt was richtig und was falsch ist. Mitmenschlichkeit und ein ethisch verantwortetes Handeln funktionieren ganz gut auch ohne Gott.

Geht es dem Menschen gut, so nimmt es mancher gern hin, ohne zu fragen, warum es ihm gut geht. Der Weg ist klar, wie auf einem gut ausgebauten Wanderweg. Man kann sich kaum irren, wenn man auch ab und an bei einer Weggabelung eine Entscheidung treffen muss.

Für manchen von uns sind gepflegte Wanderwege in den Bergen fast eine Selbstverständlichkeit. Die Gemeinden müssen sie unterhalten, dienen sie doch auch den lokalen Bauern als Transportwege für Vieh und Waren.

Den Bergführer vergisst man auf solch guten Wegen bald!

Doch hie und da verlässt das Leben die gut ausgebauten Wanderwege. Unwegsames Gelände liegt vor mir. Es ist gar nicht mehr so einfach den Weg zwischen den Felsen und sumpfigen Stellen zu finden. Schnee versperrt einem den Weg und man muss einen Umweg gehen.

Beim Wandern in den Bergen kann man sich zumindest an den weiss-rot-weiss Markierungen orientieren.

Auf dem Lebensweg finde ich diese Orientierung in der Bibel. Manche Zeichen sind klar, wie eine frisch aufgepinselte weiss-rot-weiss Markierung. Man sieht sie und sie leuchtet einem entgegen. Das Wort Gottes weist einem den Weg.

Andere Bibelstellen sind dunkel. Wie bei einer alten Wegmarkierung, die Sonne und Regen längst ausgebleicht haben, muss man richtiggehend um das rechte Verständnis kämpfen. Man muss danach suchen, damit sie einem den guten Weg weisen.

Da ist es gut, wenn man einen Bergführer, wie Urs bei sich hat! Auch ohne die künstlichen Zeichen auf den Felsen hat er den Weg gefunden. Er ist mit uns gegangen. Er ist uns wie ein Schatten gefolgt.

Wo wir die Bedrohung des Wetterumschwungs noch nicht erkannt haben, wusste er die Zeichen am Himmel bereits zu deuten.

Es fiel uns wahrlich nicht leicht, auf sein Wort zur Umkehr zu hören. Doch wir gehorchten. Wir kehrten um und überstanden das Gewitter unbeschadet.

Ich meine, auch im Leben sei es gut, auf Gott zu hören. Gewiss, es fällt nicht immer leicht. Hie und da höre ich ein klares «Halt!». Kurz vor dem Ziel, kurz vor der Erfüllung eines Wunsches ist es besonders schwer den eingeschlagenen Weg zu verlassen. Wie gerne hätte ich wenigstens eine kurze Runde über den Gletscher gedreht!

Doch es war gut. Es war richtig auf Urs zu hören. Das Gewitter bestätigte es.

Wenn ich im Leben auf Gott höre, dann erlebe ich das Gewitter oft nicht. Es bleibt mir ein Rest Zweifel. «Hätte ich doch nicht umkehren sollen?»

Letztlich weiss ich es nicht. Es bleibt mir nur auf Gottes Wort zu hören. Ihm zu gehorchen, auch wenn ich das Gewitter, vor dem es mich bewahrt, selbst nicht sehe. Glauben heisst auf einen Schatten zu vertrauen.

Der HERR ist dein Hüter, der HERR ist dein Schatten zu deiner Rechten.
Amen

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