Leben – das grosse Abenteuer

Du gabst mir den Schild deiner Hilfe, deine Rechte stützt mich, und dein Zuspruch macht mich stark.
Psalm 18,36

Liebe Gemeinde
Liebe Tauffamilie
Lieber Lionel

Wir haben dich heute Morgen getauft. Deine Eltern und deine Gotte und dein Götti haben dir versprochen dich bei dem grössten Abenteuer der Welt zu begleiten. Es ist das Abenteuer, das alle von uns auf ihre ganz eigene Art und Weise bestehen. Das Abenteuer des Lebens.

Für dieses Abenteuer haben wir dir den Segen Gottes zugesprochen. Wir beteten für dich und nahmen dich in die Gemeinschaft unserer Gemeinde auf. Du sollst nicht allein sein. Wir wollen mit dir gehen! Wir wollen mit dir deine Welt und deine Möglichkeiten entdecken.

Das ist gut so. Du sollst einen guten Start haben. Wir alle, vor allem aber dein Mami und dein Papi, wollen dir diesen guten Start ermöglichen. Sie öffnen dir Raum zum Entdecken. Es ist ein sicherer Raum. Ohne Gefahr kannst du deiner Neugier und deinem Entdeckerdrang nachleben. Er darf sich entwickeln und gross werden.

Dabei bist du geschützt durch Kindersicherungen in den Steckdosen, durch wattierte Protektoren an den harten Kanten der Möbel und durch die Gittertürchen bei den Treppen. Deine Eltern machen, was in ihrer Macht steht, damit dir nichts Schlimmes geschehen kann. So darfst du nach Herzenslust strampeln und krabbeln und deine ersten Schritte tun! Du musst keine Gefahr fürchten!

Es ist richtig, dass wir Erwachsenen alle Gefahren von unseren Kindern abhalten, wo wir nur können. Es ist gut, wenn unsere Kinder glauben dürfen, dass ihnen nichts zustossen kann. Es braucht diese Sicherheit, damit ihr Vertrauen in die Welt entstehen und wachsen kann. Wir Menschen brauchen dieses Grundvertrauen, das in der frühen Kindheit angelegt wird, damit wir ohne falsche Angst leben können.

Zugleich wissen aber gerade auch die Eltern, dass es oft nicht so ist. Auch, wo wir alles Menschenmögliche für den Schutz unserer Kinder tun, ist dieser Schutz doch nie vollkommen. Es gibt unentdeckte Gefahren. Es gibt Gefahren, gegen die wir machtlos sind. Es gibt Krankheiten, Unfälle und Unglück.

Das darf nicht nur den Eltern unter uns Angst machen. Die Angst gehört mit zu unserem Abenteuer dazu. Doch müssen wir mit unserer Angst nicht alleine zurechtkommen.

Es ist gut, dass wir diese Angst vor Gott bringen dürfen. Er nimmt sie uns nicht ab. Aber bei ihm sind wir auch mit unseren Ängsten und Zweifeln willkommen. Wir dürfen ihn um Kraft bitten. Nicht nur für unsere Kinder, sondern auch für uns.

Wir brauchen seine Kraft. Lionel wird kein Baby bleiben. Er wird wachsen und weil ihr ihm gute Voraussetzungen gebt, wird auch sein Entdeckerdrang und seine Abenteuerlust grösser werden. Bald werdet ihr ihn nicht mehr schützen können. Ja, es wäre falsch, denn es würde ihm die Freiheit nehmen.

Es ist gut, dass wir unseren Kindern die Freiheit lassen. Stück um Stück müssen wir die Schutzmassnahmen, die wir für unsere Kleinkinder getroffen haben, wieder zurück bauen. Der Kantenschutz kann nicht auf ewig am Couchtisch bleiben. Die Kindersicherungen in den Steckdosen müssen wieder entfernt werden, schliesslich sind die Dosen zum Gebrauch eingebaut. Wir können unsere Kinder nicht über jede Treppe tragen bis sie gross sind. Wir können es nicht. Täten wir es, wir würden unserem Kind schaden. Darum müssen auch die Treppengitter wieder entfernt werden.

Ich meine, auch Gott habe dies mit uns Menschen gemacht. Er schenkte uns Freiheit. Der Schutz des Paradieses musste überwunden werden. Ohne Gefahr wäre die Freiheit der Menschen keine echte Freiheit. Der Sündenfall ist auch ein Stück Emanzipation des Menschen. Aus einer theoretischen Freiheit wird eine wahrhaftige. Der Mensch wählt die unmögliche Möglichkeit.

Gott nimmt das Treppengitter weg. Anstelle des Treppengitters stellt Gott eine Regel auf. Er sagt: «Esset nicht von diesem Baum!». Eltern sagen ihrem Kind: «Pass auf. Es ist gefährlich!» Der Mensch hörte nicht. Er stürzte die Treppen hinunter. Er holte sich eine blutige Nase, als er alle Warnungen in den Wind schlug. Auch das gehört mit zur Freiheit dazu.

Du, Lionel, wirst grösser werden. Du wirst das Velofahren lernen. Die Stützräder am Kinderrad werden dir helfen, doch sie werden dich auch in deiner Freiheit behindern. Du wirst sie loswerden wollen. Ab und an wirst du scheitern, stürzen und auf die Nase fallen. Das gehört mit zum Leben dazu.

Wir leben und nützen unsere Freiheit. Obwohl wir mit dem Velo als Kinder uns die Knie aufschlagen, fahren wir als Erwachsene Auto oder Töff. Als Kinder lernen wir, was Gefahr heisst, indem wir Grenzen überschreiten. Wir haben unsere kleinen und grossen Unfälle. Ab und an verletzen wir uns. Lionel wird es nicht anders ergehen.

Vielleicht war der Sündenfall so etwas wie der grösste Unfall in der Menschheitsgeschichte. Die blutige Nase ist uns geblieben. Aber wir können auch daraus lernen. Die Freiheit, die uns geschenkt ist, ist auch die Freiheit zum Unfall. Sie ist auch die Freiheit zur Verletzung. Wir können daraus lernen, dass es gut ist, wenn wir unserer Freiheit Grenzen setzen lassen.

Die Gebote und Verbote, die Gott seinen Menschen gibt, sind solche Grenzen. Sie sollen uns helfen, nicht hindern. Und schon gar nicht sollen sie Grenzen sein, die die Liebe Gottes begrenzen.

Du, Lionel wirst nicht immer auf deine Eltern hören. Aber ich bin gewiss, dass auch dann, wenn du gegen ihre Regeln verstösst, du dennoch nicht aus ihrer Liebe fällst. Wie viel weniger dann erst aus der Liebe Gottes?

Wo der Mensch Mensch ist, da lehnt er sich immer wieder gegen Gott auf. Er tut es in guter Absicht. Er will sich seine Freiheit erhalten. Er kämpft gegen die Grenzen, die seine Freiheit vermeintlich einschränken. Er kämpft, weil er in Gottes Gebot eine Mauer sieht, die seine Freiheit begrenzt.

Doch Gott will uns nicht die Freiheit nehmen. Seine Gebote sollen unsere Freiheit nicht beschneiden, sondern sie schützen. Denn jenseits seiner Gebote erwartet uns nicht mehr Freiheit, sondern der Verlust der Freiheit. Die Weisungen Gottes haben ihren Sinn, wie auch die Gebote und Verbote unserer Eltern Sinn gehabt haben.

Ich weiss, das ist nicht immer einleuchtend. Gerade, wenn wir Kinder sind, wollen wir die Grenzen überschreiten, die unsere Eltern uns setzen. Wir wollen länger aufbleiben, länger im Ausgang sein, selbst entscheiden und das tun, was uns so verlockend erscheint.

Aber unsere Eltern setzen uns nicht Grenzen, weil sie uns die Freiheit vergönnen. Sie setzen uns Grenzen, weil sie uns lieben!

Auch du, Lionel, wirst wohl lernen müssen, dass es mitunter gut ist, auf deine Eltern zu hören. Sie geben dir ihre Regeln nicht um dir die Freiheit zu nehmen, sondern damit du dich in deiner Freiheit nicht verletzen wirst.

So darfst du deine Abenteuer geniessen. Du darfst diese Welt entdecken.

Deine Eltern, deine Gotte und dein Götti, deine Freunde und wir alle, gehen mit dir und begleiten dich. Ab und an werden wir dir eine Warnung mit auf den Weg geben. Doch wir werden dich nicht immer hindern können Fehler zu machen. Du wirst auch einmal auf die Nase fallen.

Es wird auch uns schmerzen. Doch wissen wir, dass wir nicht alle Wege mit dir gehen können. Es wird Wege geben, die du allein gehen musst.

Es wird dir nicht anders ergehen als uns Erwachsenen. Du wirst hie und da scheitern. Du wirst fallen. Gott aber wird dich auch immer wieder aufrichten, wenn du auf ihn vertraust. Er wird dir neue Lebensmöglichkeiten eröffnen, wenn du an deine Grenzen stösst. Er wird dir neue Wege zeigen, wenn du in einer Sackgasse steckst.

Er gibt dir seinen Schild als Hilfe, seine Rechte als Stütze und sein Zuspruch mit auf den Lebensweg. Er macht dich stark, wo du auf ihn vertraust.
Amen

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