Ist das Grab leer? – Das Grab ist leer!

In der Kirche sitzt man oft im Kreis. Nicht immer gern, doch immer öfter. Der Stuhlkreis gehört dazu. Er steht – gefühlt – auf Platz zwei des kirchlichen Brauchtums, direkt hinter dem Amen. Kein Wunder, wenn der Stuhlkreis ein Teil der praktischen Ausbildung ist. Zumindest war er es in meinem Vikariat. Ein ganzer Tag war dieser Form der Arbeit gewidmet. Der Morgen der Theorie. Eine Expertin schlug den Bogen von den Vorteilen (Interaktion auf Augenhöhe, gesprächsanregend – ich konnte es mit Fantasie nachvollziehen) bis zu einem einzigen Nachteil (es soll Männer geben, die sich im Stuhlkreis nicht wohlfühlen – Das konnte ich nachvollziehen und brauchte keine Fantasie).

Der Nachmittag gehörte der Praxis – natürlich im Stuhlkreis sitzend. «Die Mitte macht den Stuhlkreis!» erfuhren wir. «In Ordnung», dachte ich, «es sind nicht die Stühle und nicht der Kreis, wie ich erwartet hatte. Ich Dummerchen. Die Mitte ist es – natürlich!»

«Die Mitte muss», gemäss Expertin, «sorgfältig gestaltet werden.» Es folgten Grundsätze der Gestaltung: Immer eine ungrade Anzahl von Gegenständen. Immer verschiedene Grössen, Formen, Farben. Das Thema des Stuhlkreises aufnehmen. Nicht zu klein. Nicht zu gross. Die Mitte darf den Blickkontakt nicht stören. Sie soll ansprechend sein, aber nicht ablenken. Ein Tischtuch verbindet die Gegenstände und grenzt die Mitte vom Boden ab. Eine Kerze sorgt für Besinnlichkeit, ein bunter Blumenstrauss für Fröhlichkeit und eine Klangschale bereitet die Meditation vor. «Alles klar», dachte ich.

Die Mitte ist das Wesentliche – so erschien es mir an jenem Nachmittag. Von ihr allein hängt Erfolg oder Scheitern einer Veranstaltung ab – sie ist mindestens so bedeutend wie das ganze Theologiestudium und alle Praktika zusammen. «Lassen sie ihre Fantasie spielen! Gestalten sie die Mitte!» wurde uns angehenden Pfarrerinnen und Pfarrern mit auf den Weg gegeben. «Alles ist erlaubt! Bloss leer darf die Mitte auf keinen Fall sein.»

Wenn ich heute von jenem Nachmittag erzähle, dann mit einem Schmunzeln auf den Lippen und einem Gedanken im Herzen. Wie wir Menschen uns doch vor der Leere fürchten! Es ist, als ob die alte Rede vom Horror-Vacui ihre Wahrheit hat. Nicht in dem Sinn, wie Aristoteles, die Scholastik und selbst Descartes sie meinten, nämlich als Streben der Schöpfung jeden leeren Raum zu füllen und damit ein Vakuum unmöglich zu machen, aber doch im Sinn der Psychologie. Leere scheint unserem Auge und unserer Seele unerträglich zu sein. Wir wenden unseren Blick und unsere Aufmerksamkeit ab. «Da ist nichts zu sehen», sagen wir uns und schauen nicht hin. Die Leere ist nur schwer zu ertragen. Fast noch schwerer als die Stille. Und auch sie halten wir mitunter kaum aus.

Vielleicht war gerade wegen der Leere des Allerheiligsten im zweiten Tempel von Jerusalem das frühe Judentum seinen Nachbarn suspekt. Dort, wo sonst Kultstatuen der verehrten Gottheit aufgestellt wurden, war im Jerusalemer Tempel nichts. Das Allerheiligste ein leerer Raum. Keine Gottheit. Kein Symbol. Keine Schriftrolle. Kein Leuchter. Nur Leere. Gottes Gegenwart als Leere manifestiert.

Auch das Grab Jesu war am Ostermorgen leer. Die Frauen, die es gemäss allen vier Evangelien als erste aufsuchten, fanden es am Ostertag offen und leer vor. Keine Leiche. Kein Abdruck. Kein Blutfleck. Nicht einmal ein Büschel Haare. Keine Reliquie. Kein Beweis der Auferweckung. Nichts, auf das sie hätten zeigen können. Nichts, das sie hätten mit sich nehmen können. Nur die leere Liege.

«Da ist nichts zu sehen», hätten sie zueinander sagen können. Doch Furcht und Zittern ergriff sie. Sie standen im Allerheiligsten. Nicht dem Allerheiligsten des Tempels, doch am heiligsten Ort der Heilsgeschichte. Unaushaltbare, heilige Leere! Unaussprechlich. Unbeschreibbar. Unerklärlich.

Auch die Evangelisten hatten Mühe damit. Keiner von ihnen hielt die Leere des Grabes aus. So füllten sie das Grab mit ihren Gedanken und Fantasien. Himmlische Boten erklärten nun: «Er ist auferweckt worden, er ist nicht hier!» «Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?» oder «Denkt daran …: Der Menschensohn muss in die Hände von sündigen Menschen ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen.»

Ein leeres Grab als Grund zur Hoffnung? Ja, das leere Grab ist der Grund meiner Hoffnung. Denn ich bin davon überzeugt. Es war leer, weil Jesus leibhaftig auferweckt worden ist. Es war leer, weil die Auferstehung nicht symbolisch, sondern real zu verstehen ist. Es war leer, weil der Sohn Gottes dem ewigen Tod ein für alle Mal die Macht nahm. Es war leer, weil Christus der Tod des Todes ist.

Das Grab war leer und doch ist es mehr als ein leeres Grab. In der Auferstehung erfüllt sich das zweite Gebot. Es gibt kein Bild und Kultgegenstand, woran der Mensch seinen Glauben hängen könnte. Von Gottes Sohn bleibt keine Reliquie zurück. Nichts, das verehrt werden kann. Nichts, das von ihm ablenken und zum neuen Götzen werden könnte. Seinen Jüngerinnen und Jüngern bleibt nur die Erinnerung und das leere Grab.

Als Christinnen und Christen können wir die Auferstehung nicht beweisen. Wir können auf nichts hinweisen, dass die Wahrheit unseres Erzählens verbürgt. Wir können nur erzählen, erinnern und von neuem erzählen und darauf vertrauen, dass Gott in unserem Erzählen gegenwärtig wird. Auf das unser Erzählen vom leeren Grab, keine leeren Worte sind, sondern die Mitte unseres Glaubens!

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