Die heilsame Kraft der Musik

Und wenn Gottes Geist auf Saul war, nahm David die Leier und griff in die Saiten; dann wurde es Saul leichter, und es tat ihm gut, und der böse Geist wich von ihm.
1. Sam 16,23

Liebe Gemeinde
Liebe Kirchenmusiker
Lieber Teun Braken

Gleich zweimal erzählt die Bibel, wie David als junger Mann in die höchsten Kreise des alten Israels aufstieg. Saul, so berichten es beide Traditionen, war König und David ein aussergewöhnlicher junger Mann. Beide Erzählstränge stimmen auch darin überein, dass der alte König ein besonders Verhältnis zum Jüngling entwickelte. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten beider Überlieferungen praktisch.

Beide stehen heute in der Bibel. Eine spätere Redaktion versuchte sie miteinander in Einklang zu bringen. Doch die beiden Melodien wollen nicht recht zueinander passen. Immer wieder stören Misstöne. Immer wieder zerstören Dissonanzen den reinen Klang. Immer wieder bricht der Dreiklang und der Erzähler muss neu ansetzten. Die Geschichte gerät aus dem Takt. Das Sampling gelingt nicht ganz. Wer genau hinhört, hört die Spurwechsel und Taktbrüche auch heute noch.

Weil das so ist, dürfen beide Melodien für sich betrachtet werden. Sie müssen nicht zusammenklingen, sondern dürfen das Ohr ganz für sich beanspruchen. So kann gerade die zweite Melodie deutlicher gehört werden. Ihr Lied wird oft übertönt vom Marsch der ersten. Weil sie die unerhörtere ist, soll sie heute Morgen mehr Aufmerksamkeit erhalten.

Doch beginnen will ich mit dem Marsch. Man kann sich ihm nicht entziehen. Er reisst einem mit sich fort, denn sein Spiel ist kräftig und lebendig.

Dieses Lied ist eine Heldensaga. Nicht von Feuer und Eis, sondern von Schwert und Schleuder. Noch heute wird sie so lebendig erzählt, wie damals vor mehr als dreitausend Jahren.

David gegen Goliath. Die Legende ist zum geflügelten Wort geworden. Der Kleine erschlägt den Grossen. Für einmal wird der Underdog der grosse Held und gewinnt den unmöglichen Kampf. «From Zero to Hero!» könnte man sagen. Der 1000 zu 1 Favorit unterliegt seinem Herausforderer. Ein Niemand tötet den Kriegshelden des Gegners. Ein einzelner Mann schlägt die Philister in die Flucht und nimmt die Last der drohenden Niederlage von der Schulter des Königs. «Saul hat tausend erschlagen, aber David zehntausend», jubelten die Frauen am Königshof und tanzten vor Freude.

Die Saga von David dem Kriegshelden machte Karriere. Sie durchzieht die Kunstgeschichte. Michelangelo inspiriert sie zur monumentalen Skulptur «David». Unzählige Ölgemälde der alten Meister bis in die Moderne zeigen den Kampf und sein Ende. Sogar die Zeichentrickserie «The Simpsons» nimmt die Geschichte auf und erzählt, wie Bart Simpson als David den Raufbold Nelson als Goliath besiegt. Nur nimmt dort die Geschichte ein anderes Ende. Nicht immer ist David der moralisch überlegene Held. Der Riese Goliath kein Monster.

David gegen Goliath ist spektakulär und darum wohl auch die bekanntere Legende. Sie ist bildgewaltig und gerade darum attraktiv – nicht nur für Knaben und Männer. Ein Marsch, der durch Mark und Bein geht und dem man sich nicht entziehen kann.

Doch es gibt eine zweite Melodie. Weniger spektakulär. Weniger bildreich. Weniger gewaltsam. Weniger laut. Sie klingt fein und wird nur allzu gern vom Heldenlied übertönt. Dieser Klang erzählt von der Kraft der Musik.

Schade, dass dieses Lied ab und an weniger Gehör findet als der Paukenschlag David gegen Goliath. Doch auch der Paukenschlag braucht die Ruhe. In der Ruhe kann Neues erklingen.

Gerade darum lasse ich dieses zweite Lied heute alleine klingen. Nur von fern grollt noch der Kriegsdonner.

Wir haben diesem Klang gelauscht und die Geschichte, welche er erzählt, in der Lesung gehört. Nun sind wir Eingeweihte in das Mysterium jenes geheimen Akkords, den Leonard Cohen besingt. Doch verstehen wir ihn? Lauschen wir gemeinsam.

Diese Melodie erzählt, wie Saul krank wurde. Ein Böser Geist überkam ihn. Der Geist Gottes hatte ihn verlassen und plagte ihn nun als Quälgeist. Das Fehlen der göttlichen Kraft machte Saul krank und nahm ihm die Lebendigkeit. Es fehlte etwas in seinem Leben. Er suchte Hilfe. Ein weiser Berater wies ihm den Weg zur Linderung. Musik soll helfen. Ein junger Mann spielt die Harfe meisterhaft. Sein Spiel könne helfen.

Es ist müssig heute darüber zu sinnieren, welcher Art das Leiden des Königs war. Mögen wir hinter dem Geist Gottes, der eben nicht nur Inspiration, sondern auch Schmerz mit sich bringen kann, heute eher ein psychisches Leiden als das Wirken Gottes sehen, so hilft es doch nicht weiter. Saul leidet. Er ist bedrückt, hat Angst, wird getrieben, es stürmt in ihm und er findet keine Ruhe.

So müssig es ist, über die Ursachen nachzudenken, so nahe ist mir Saul in seinem Leiden. Auch dir? Diffuse Angst vor der Zukunft; das Gefühl nicht weiter zu wissen; eine innere Unruhe, weil einem eine Situation plagt, wo etwas nicht gut gekommen ist. Das schlechte Gewissen, das sich mitunter einstellt, wenn man seinen Nächsten etwas schuldig geblieben ist. Die Enttäuschung über sich selbst, wenn etwas misslungen ist.

Überhaupt können Emotionen uns überkommen. Die Gefühle reissen einem mit sich. Die Trauer, über einen Verlust eines geliebten Menschen zum Beispiel. Der Schmerz beim Abschied. Aber auch die Liebe. Die Freude des Wiedersehens. Der süsse Herzschmerz des Verliebten.

Unsere Gefühle brauchen Raum, in den sie abfliessen dürfen. Der Schmerz und die Qual müssen von Saul weichen können. Sie brauchen einen Ort, wo sie sein dürfen. Das entlastet. Das macht die Seele leichter.

Saul findet dieses Mittel. Die Harfenklänge verschaffen ihm Erleichterung. Die Musik schafft Raum für seine Gefühle.

Auch unsere Emotionen brauchen Raum. Gerade in der Kirche. Besonders bei den grossen Lebensübergängen. Die überschäumende Freude bei einer Hochzeit! Das Glück bei einer Taufe. Aber auch der Schmerz und die Trauer bei einer Abdankung.

Bekommen diese Gefühle keinen Platz, so drohen sie uns Menschen innerlich zu zerreissen. Gerade weil die Gefühle zu uns Menschen gehören, braucht es in der Kirche Orgel, Musik und Gesang. Es braucht Menschen, die die Gemeinde anleiten und mit ihrem Spiel diesen Gefühlen Raum schaffen. Es braucht Musikerinnen und Musiker wie dich, lieber Teun, damit die Kirche nicht nur den Kopf der Menschen anspricht, sondern ihr Herz. Es braucht diesen besonderen Raum, der nur die Musik schaffen kann und der unendlich viel Mehr ist als die Raumdimensionen von Länge, Höhe und Breite.

Dieser Raum der Musik hat eine weitere, eine vierte Dimension. Diese Dimension gibt den Gefühlen Raum. Sie lässt sie wachsen oder mildert sie ab. Sie verändert den Geist. Sie lässt uns zu Atem kommen oder verschlägt ihn uns. Sie füllt uns und dient zugleich als Überdruckventil.

Saul findet Ruhe im Klang der Harfe. Davids Spiel lindert seine Qual. Sie heilt seinen Geist.

Nicht nur in der Bibel spielt die Musik und ihre heilsame Kraft eine Rolle. In vielen alten Kulturen gehört sie unlöslich zu Heilungsritualen dazu. Auch in der mittelalterlichen Mystik spielt sie eine Rolle. Erst der naturwissenschaftlich-technische Ansatz zu Beginn der modernen Medizin im 19. Jahrhundert verdrängte sie aus dem Heilungsprozess. Doch nie ganz. Die Kurkapellen der grossen Badekurorte gehörten selbstverständlich dazu. Sie waren immer mehr als Unterhaltung.

Erst in den letzten 50 Jahren entdeckte auch die Schulmedizin die Musik wieder neu. Musiktherapie ist kein Hokuspokus, sondern hat ihre Wirksamkeit in klinischen Studien bewiesen. Denn Musik hilft, die Gedanken zu ordnen und zu bündeln. Sie schafft Struktur und hilft so Halt zu finden. Sie wirkt positiv auf die Gesundheit von Geist und Körper.

Den Gottesdienstbesuch sollte man darum über die Krankenkasse abrechnen können – aber das geht wohl doch zu weit!

Das Spiel Davids heilte Saul. Wer dem gequälten Geist Ruhe verschaffen kann, gewinnt Macht und Einfluss. Kein Wunder, wenn David alsbald im Stab König Sauls aufzusteigen begann. Er wurde Teil der Familie des Königs. Er stimmte in ihre Melodie ein. Sein Lebensfaden und jener des Königs begannen sich ineinander zu verweben. David wurde zur Bedrohung. Sauls Leben klang aus. David stieg auf. Doch ich greife vor.

Gottes Wirken durchzieht beider Leben. Gott hebt ihre Lebensmelodie und lässt sie fallen. Er bläst seinen Geist ein und nimmt ihn zurück. Dieser Gott, der in der Geschichte von David und Saul anklingt, ist nicht nur Gott des Guten, des Erfolges, des Trostes, der Heilung. Seine Melodie klingt auch in den Schattenseiten des Lebens an. Es ist Gott, der Saul seinen Geist gibt. Es ist Gott, der seinen Geist von Saul nimmt.

Sein Fehlen quält Saul. Davids Harfenspiel kann die Lücke mildern, doch sein Spiel kann sie nicht verschliessen. Sauls Quälgeist kommt zurück, wenn Davids Saiten verhallen.

Es ist, als ob David ein Fenster zu Gott öffnen könnte, doch keine Türe. Sein Spiel bleibt Anklang des Göttlichen. In seinen Harfenklängen klingt Gott an und sein Geist ist wieder bei Saul. Doch nie dauerhaft. Er bleibt Anklang und wird nicht zu Klang.

Musik, gerade Kirchenmusik, hat eine wunderbare Kraft. Sie kann diese Fenster zum Himmel öffnen. In der Orgel- und der geistlichen Musik insgesamt schwingt Gottes Geist mit. Wie feiner Klang durchzieht er das Leben. Er berührt das Herz, wo er will. Die Musik stösst das Fenster auf.

Doch es ist Gottes Geist, der wirkt. Nicht David vermag es. Auch der beste Kirchenmusiker kann es nicht aus eigener Kraft. Die Musik muss Medium bleiben. Sie öffnet das Fenster zum Göttlichen. Sie wird zum Kanal durch den Gottes Kraft fliesst.

Musik ist göttlich. Doch ist sie nicht Gott. Und das ist in Ordnung.

Teun, du hast uns heute und du wirst uns in Zukunft dieses Fenster immer wieder von Neuem aufstossen. Es ist schwere Arbeit, die du leicht klingen lässt. Es mag sein, dass es dir nicht immer gelingen wird. Doch sei getrost, du musst es nicht vollbringen.

Wir dürfen uns auf Gott verlassen. Sein Geist klingt durch die Welt. Seine Melodie durchzieht unser Leben. In ihr ist uns Raum geschenkt. In ihr finden wir heil. Sie öffnet uns den Himmel.
Amen

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