„Gott hat seinen Engeln befohlen, dich zu beschützen, wohin du auch gehst. Auf ihren Händen werden sie dich tragen, damit dein Fuss nicht an einen Stein stösst.“
Psalm 91,11f
Liebe Gemeinde
liebe Tauffamilie
liebes Taufkind
Taufe ist ein besonderer Moment. Besonders dann, wenn das Taufkind kein Baby mehr ist, wie es sonst bei uns Tradition ist, und auch kein kleines Kind mehr ist, sondern ein jugendlicher Mensch auf dem Weg zum Erwachsenwerden.
Du, liebes Taufkind, hast dich als junge Frau ganz bewusst für deine Taufe entschieden. Du sagst damit Ja zu Gott. Du lädst ihn ein, an deiner Seite zu gehen. Er soll zu dir gehören. Du willst zu ihm gehören.
Vorher habe ich dir mit dem Taufwasser ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet. Für einen kurzen Moment konnte man das Kreuz sehen. Das Wasser hat „geglänzt“. Unsichtbares ist sichtbar geworden. Wer genau hingeschaut hat, konnte sehen: „Du gehörst dazu! Du trägst das Abzeichen dieses Clubs auf der Stirn. Du gehörst zum Verein Gottes.“
Zu dem Gott, der längst Ja zu dir gesagt hat. Zu dem Gott, der dich in seiner unendlichen Liebe angenommen hat.
Dass das Zeichen deiner Taufe – nämlich das Kreuz, das ich dir auf die Stirn gezeichnet habe – schon wieder verschwunden ist, weil das Wasser verdunstet ist, gehört mit zur Botschaft der Taufe. Die Taufe hebt die Grundlage unseres Glaubens ins Bewusstsein – doch dann vergessen wir diese Grundlage in unserem Alltag nur allzu schnell.
Auch dein Taufspruch handelt davon.
Liebes Taufkind, weisst du eigentlich, woher dein Taufspruch stammt?
Er ist uralt. Älter als die Bibel. Ja, vermutlich sogar älter als der Tempel in Jerusalem. Dort aber wurde er greifbar. Er gehörte zu einem Segensritual, das mit dem Reisen verbunden war.
Menschen, die eine Reise vor sich hatten, besuchten den Tempel. Dort liessen sie sich für die Reise von einem Priester segnen. Die Art der Bitten und die Antworten des Priesters waren genau festgelegt. Man spürt es noch ein wenig, wenn man den 91. Psalm heute liest. Auf jeden Fall stand die Zusage deines Taufspruchs am Ende dieses Rituals. Es war der eigentliche Reisesegen.
Dass man sich für eine Reise segnen liess, war dabei mehr als ein religiöses Ritual.
Damals im alten Israel war das Reisen voller Gefahren. Man konnte von Räubern überfallen werden. Man konnte einem Löwen begegnen. Man konnte krank werden, ohne dass es Spitäler oder auch nur einen Hausarzt gegeben hätte. Man konnte über einen grossen Stein stolpern. Und selbst wenn man sich dabei nichts gebrochen hatte, konnte es schlimm enden. Schon ein verstauchter Knöchel konnte einem auf diesen einsamen Wegen durch die Halbwüste das Leben kosten.
So bereitete man sich gut auf eine Reise vor und tat alles Menschenmögliche. Aber man wusste auch: Der Mensch hat nicht alles in der Hand. Darum wandte man sich an Gott. Man bat ihn um Schutz und Begleitung auf der Reise. Dazu ging man in den Tempel, sprach mit einem Priester und bat um Gottes Segen. So gestärkt machte man sich auf den Weg.
Reise, sich auf den Weg machen, unterwegs sein – das sind wunderbare Bilder für das Leben.
Deine Lebensreise, liebes Taufkind, hat vor mehr als 13 Jahren begonnen. Du bist also schon mitten auf dem Weg und hast die ersten Herausforderungen des Lebens hervorragend gemeistert. Ja, im Rückblick mögen dir diese Leistungen gar nicht so gross vorgekommen sein. Es sind Leistungen, die wir alle auf unserem Weg vom Baby zum Kind gemeistert haben. Du hast das Laufen gelernt, du hast dir das Sprechen beigebracht und du hast ein „Ich“ entwickelt. Alles unglaubliche Leistungen!
Du glaubst das nicht? Du sagst: „Ist doch alles selbstverständlich“?
Nein, das ist es nicht. Es ist ein Wunder! Das Wunder Mensch!
Nehmen wir das Laufen auf zwei Beinen:
Nicht viele Lebewesen können das. Selbst die raffiniertesten Roboter scheitern oft daran. Sogar den klügsten Köpfen unter uns Menschen ist es noch nicht gelungen, einem Roboter das sichere Laufen auf zwei Beinen beizubringen. Wenn schon das Laufen so komplex ist – wie ist es dann erst mit Rennen, Tanzen oder Fussballspielen?
Es ist unglaublich, was unser Gehirn im Zusammenspiel mit Nerven, Muskeln, Sehnen und dem Skelett leistet, damit wir nicht ständig hinfallen. Ja, damit wir scheinbar mühelos laufen können. Eigentlich ist jeder Schritt ein kleines Wunder, das wir tun!
Dass du das geschafft hast, dazu hat es deine Familie gebraucht. Zuerst deine Mama, die dir Geborgenheit geschenkt hat. Dann dein Papa, der für dich da gewesen ist. Dazu kamen Onkel und Tanten, Grosseltern und Freunde. Eine ganze Familie, die für dich da gewesen ist. Die dich an die Hand genommen hat, als du die ersten Schritte gemacht hast. Die dich losgelassen hat, damit du erste eigene Wege gehen konntest. In der Geborgenheit deiner Familie hast du das Laufen gelernt. Der Untergrund wurde immer schwieriger. Schliesslich bist du über Stock und Stein gelaufen – wie es kein Roboter kann. Einfach. Mühelos. Als wäre es nichts.
Stock und Stein – sie gehören auch zum Lebensweg. Die Herausforderung, das Laufen und Sprechen zu lernen, ist klein im Vergleich zu dem, was dich noch auf deinem Lebensweg erwartet. Es ist ein Weg voller wunderbarer Überraschungen, aber auch voller unvorhersehbarer Gefahren. An manchen Stellen ist der Weg nicht klar. Es gibt mitunter Entscheidungen, die du treffen musst, ohne zu wissen, welche die richtige ist. Dann brauchst du Menschen, die dir mit Rat und Tat zur Seite stehen.
Deine Gotte und dein Götti gehören gewiss zu diesen Menschen. Sie meinen es gut mit dir. Du darfst dich jederzeit an sie wenden. Sie wollen für dich da sein, wenn du ihre Hilfe brauchst. Sie bieten dir ihre Hand und wollen dich auf deinem Lebensweg begleiten.
Du, liebes Taufkind, wirst deinen Weg gehen. Da bin ich mir sicher. Es wird wohl nicht immer ein einfacher und gerader Weg sein – das sind unsere Menschenwege höchst selten. Und sind wir ehrlich: Es sind nicht die geraden Autobahnen, die das Leben spannend machen, sondern die verschlungenen Pfade durch Wälder, Wiesen und Berge.
Es gehört zu diesen Wegen, dass man auf ihnen selten weit sieht. Sie halten Überraschungen bereit – positive, lustige, fröhliche – ich glaube, viel mehr als andere. Doch auch negative Überraschungen gehören zu unseren Lebenswegen. Es gibt Enttäuschungen, Krankheit und Verzweiflung. Es gibt Steine, an denen sich unsere Füsse stossen. Die weh tun.
Du wirst dich ihnen stellen müssen. Es wird Wegabschnitte geben, die du nicht gehen willst. Die herausfordernd sind. Die dir zu gross zu sein scheinen.
Und doch wirst du sie gehen. Schritt für Schritt. Du wirst den Weg schaffen. Und du darfst stolz darauf sein.
Du musst den Weg nicht allein gehen. Auch wenn dich weder Mama noch Papa, weder Gotte noch Götti, weder Familie noch Freundinnen und Freunde begleiten können – du wirst nicht allein sein.
Es ist Gottes Versprechen an dich, dass er immer nur ein Gebet weit entfernt ist. Er ist da – selbst dort, wo du ihn nicht spürst. Er ist da – sogar dort, wo du dich ganz von Gott verlassen fühlst.
Nicht, dass du deinen Weg nicht selbst gehen müsstest. Dein Taufspruch ist keine Garantie für ein Leben ohne Schmerz und Fehler. Dein Taufspruch ist ein unsichtbarer Wunsch. Gottes Engel, Gottes Boten, mögen manche Zusammenstösse und Unfälle verhindern – nur selten merken wir es – und es sind auch nicht alle.
Das ist auch nicht in erster Linie die Aufgabe dieser Engel. Sondern als Botinnen Gottes sorgen sie dafür, dass deine Verbindung zu ihm nicht abreisst. Ihr Schutz ist kein Sorglospaket, sondern die Garantie, dass Gott auch im Schweren bei dir ist. Ihr Tragen auf Händen ist die tragende Verbindung zu Gott.
Ein Gott, der dir nahe ist.
Ein Gott, der manches Leid von dir fernhält, ohne dass du es merkst.
Ein Gott, der aber auch in dem Leid bei dir ist. Leid das er dir nicht erspart. Leid, das er dir zumutet.
„Gott hat seinen Engeln befohlen, dich zu beschützen, wohin du auch gehst. Auf ihren Händen werden sie dich tragen, damit dein Fuss nicht an einen Stein stösst.“ (Psalm 91,11f)
Amen



