In aller Munde – unser täglich Brot

Unser tägliches Brot gib uns heute.
Mt 6,11

Von Gott geliebte Menschen

Es ist ein einfaches Gebet, das Jesus seinen Schülerinnen und Schülern lehrt. Obwohl es kurz ist, spricht es doch die ganze Breite des Lebens an. Kein Wunder, dass es bis heute gebetet wird. Kein Wunder, dass es zu unseren Gottesdiensten gehört.

Die Bitte nach dem täglichen Brot ist die erste Bitte darin. Sie kommt uns selbstverständlich über die Lippen – auch mir.

Doch höre ich noch, worum ich da bitte?

Das tägliche Brot – ja, es steht wie selbstverständlich auf dem Tisch. Am Morgen schmiert man Butter darauf, gefolgt von Confi oder Honig. Man belegt es mit Käse oder Fleisch. Man reicht es zum Salat oder zur Suppe. Man haut sich eine Scheibe ab, wenn einem ein kleines Hüngerlein plagt. Brot ist selbstverständlich.

Man vergisst, dass es jahrhundertelang das Grundnahrungsmittel vieler Menschen gewesen ist. Pur – ohne Suppe oder Salat. Ohne, dass man damit Saucen aufgestupft hätte. Ohne dass es mit Fleisch oder Käse belegt gewesen wäre. Ohne Honig oder Confi. Ja, ohne Butter. Pures Brot. Gerade einmal genug für den heutigen Tag.

In was für einem Überfluss wir heute leben! Das tägliche Brot ist vielleicht nur noch ein Symbol. Ein Bild im Unser-Vater-Gebet, das für das steht, was wir – trotz unserem Überfluss – zum Leben brauchen.

Das, was wir brauchen, ist uns gegeben. Es heisst nicht: Mein täglich Brot gib mir heute. Es heisst nicht: Dem anderen, dem Fremden, dem Armen, dem Ausgegrenzten sein Brot. Es ist unser Brot.

Unser täglich Brot.
Es verbindet zur Gemeinschaft. Zur Schicksalsgemeinschaft.
Es verbindet uns zu einer Bittgemeinschaft.

Denn das tägliche Brot kommt nicht aus uns. Was wir brauchen, ist uns gegeben. Ist erbeten.
Gib uns unser täglich Brot!
Wir bitten dich!
Du – Unergründlicher.
Du himmlischer Vater.
Du Mutter allen Seins…

Unser tägliches Brot gib uns heute!
Donne-nous aujourd’hui notre pain de ce jour.
Dacci oggi il nostro pane quotidiano.
Noss paun da mintgadi dà a nus oz!
Panem nostrum quotidianum da nobis hodie.
Give us this day our daily bread.

In allen vier Landessprachen, in Latein – der Weltsprache des Mittelalters – und im Englischen, der globalen Sprache unserer Tage: eine Bitte. Eine Bitte an Gott:
Gib uns – denn wir können es uns nicht selber geben! Gib es uns – Gott – denn es steht nicht in unserer Macht.
Wir leben von Grundlagen, die wir selbst nicht schaffen können.
Wir leben auf einem Fundament, das wir nicht selbst legen können.

Am heutigen Dank-, Buss- und Bettag wird mir das besonders klar. Gerade, wenn ich zurückdenke an das Bettagsmandat. Wir haben es in der Lesung gehört.

Demokratie – so heisst es dort schon im Titel – ist ein fragiles, ein zerbrechliches Gut.
Zugleich ist die Demokratie das tägliche Brot, das die Gesellschaft ernährt.
Nur in einer demokratischen Gesellschaft werden die grundlegenden Werte wie Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, Schutz des Lebens, Menschenwürde, Gerechtigkeit und Solidarität allen Gliedern dieser Gesellschaft zuteil.
Auf diesen Werten baut sich die Gesellschaft auf.
Diese Werte sind fundamental und ermöglichen es erst, in grösstmöglicher individueller Freiheit miteinander zu leben.

Doch die Grundlage unserer Gesellschaft kann sich nicht selbst begründen.
Sie muss gegeben werden.
Sie muss als Geschenk angenommen werden.
Denn die Demokratie ist zerbrechlich.

«Zerbrechlich?» wirst du fragen.
„Demokratie ist doch nicht zerbrechlich! Schliesslich bestimmt die Mehrheit. Schliesslich regieren wir alle miteinander!“

Ja, das stimmt. Und gerade darin liegt die Zerbrechlichkeit der Demokratie.
Gerade darum kann das tägliche Brot des Zusammenlebens auch verderben.

Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau hat das bemerkt.
Er lebte von 1712 bis 1778 und war ein bedeutender Vertreter der Aufklärung.

Damit die Demokratie funktioniert, so sagt Jean-Jacques Rousseau, müssen sich die Stimmberechtigten bei ihrer Entscheidung nicht an dem orientieren, was sie selbst wollen, sondern an dem, was sie für das Beste für die Gemeinschaft halten.
Er sagt: Es ist ein Unterschied zwischen dem Willen der Mehrheit und dem allgemeinen Willen.
Der Wille der Mehrheit steht in der beständigen Gefahr, zu Ungunsten der Minderheit zu entscheiden.

Der Minderheit wird diktiert, was sie zu tun hat.
Sie verliert ihre Freiheit.
Sie wird zu Sklaven der Mehrheit.
Es kann zur Diktatur der Mehrheit kommen.
Wo es Herrschende und Beherrschte gibt, da gibt es kein gemeinsames Wir mehr.
Unser täglich Brot wird zum Brot der einen oder der anderen.
Es verbindet nicht mehr.
Es trennt.

Nur dort, wo alle am demokratischen Prozess Beteiligten nach bestem Wissen und Gewissen nach dem allgemeinen Willen fragen, wird die Demokratie zum Dünger für die Freiheit.
Nur unter dieser Bedingung vermehrt sie die Freiheit aller, stärkt die Solidarität untereinander und führt zu einer gerechteren Welt.

Es braucht den Willen zum Besten für alle.
Es braucht den allgemeinen Willen, der zur Leitlinie wird.

Doch dieser Wille lässt sich nicht erzwingen.
Er ist nicht bereits in der Demokratie angelegt.
Es gibt keine Möglichkeit, ihn durch menschliche Kraft zur Leitlinie zu machen.
Er muss von aussen kommen. Er muss gegeben werden.

Darum lautet die Präambel unserer Bundesverfassung:

„Im Namen Gottes des Allmächtigen!
Das Schweizervolk und die Kantone,

in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung,
im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken,
im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben,
im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen,
gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen,

geben sich folgende Verfassung.“

Gott wird angerufen. Nicht als Garant des allgemeinen Willens, sondern als Instanz, vor der sich die Gesellschaft zu verantworten hat.
Als das Du, das uns gegenübersteht.

Wenn wir heute gemeinsam diesen Dank-, Buss- und Bettag begehen, dann sollen wir es gerade im Gegenüber zu diesem Gott tun.
Diesem Gott, der die Grundlagen unseres Lebens schenkt.
Diesem Gott, der uns das tägliche Brot gibt – auch wenn es längst kein Brot mehr ist.
Diesem Gott, den wir im Unser-Vater-Gebet um dieses Brot bitten.

In Verantwortung vor ihm und im Gebet zu ihm sollen wir uns als Gesellschaft leiten lassen.
Nicht danach fragen, was für mich oder dich gut ist, sondern danach, was uns alle weiterbringt.
Uns am allgemeinen Willen ausrichten.
Damit das Brot unserer Gemeinschaft – nämlich die Demokratie – weiter blühen möge.

Wir nehmen unsere Verantwortung vor Gott wahr, wenn wir ihn bitten:

„Unser tägliches Brot gib uns heute.“
Amen

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