Was soll ich tun?

Es kamen aber auch Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sagten zu ihm: Meister, was sollen wir tun?
Lk 3,12

Liebe Gemeinde

„Was sollen wir tun?“ Eine einfache Frage. Doch auch eine Frage, die viel über den verrät, der sie stellt. Wer danach fragt, was er tun soll, steckt in einer schwierigen Situation. Ein Ausweg aus der Situation ist nicht offenkundig da. Ja, es mag sein, dass es viele schlechte Optionen gibt. Gar mancher Weg führt nur noch tiefer in die Verwirrung.

Wer fragt: „Was soll ich tun?“ wird sich bewusst, dass er in einer Sackgasse steckt. Die Gedanken fangen an, sich zu drehen. Man geht im Kreis. Man hofft, dass eine Lösung von aussen kommt. Man erwartet einen Rettungsring oder eine Hand, die einen aus der Not befreit.

Seelennot – so könnte man kurz und knapp diesen Zustand umschreiben. Es ist diese Seelennot, die die Zöllner zu Johannes dem Täufer führt. Sie spüren, wir sind von Gott getrennt. Wir sind auf dem falschen Weg. Sie glauben, dass sie so, wie sie sind, nicht vor Gott kommen können. Sie können nicht beten. Sie meinen, Gott würde ihnen nicht „zuhören“. Denn als Zöllner machen sie, was falsch ist vor Gott. Sie gehen auf Irrwegen. Sie fühlen sich getrennt von Gott.

Sie wollen zurück zu Gott. Sie wollen ihr Leben ändern. Bang fragen sie: „Was sollen wir tun?“

Die Seelennot, die diese Zöllner spüren, ist eine Not, die nicht nur sie erleben.

Immer wieder gibt es Menschen, die den Zugang zu Gott verloren haben. Nicht beten können – nicht Gott um den rechten Weg bitten können – das bedrängt die Seele des Menschen. Nicht nur damals, sondern auch heute erlebe ich es immer wieder, wie Menschen keinen Ausweg sehen.

Sie fragen: „Gibt es überhaupt einen Gott? Und wenn es ihn gibt? Ich habe doch so lange ohne ihn gelebt. Er hat mich bestimmt vergessen? Und jetzt: Ich weiss nicht mehr weiter. Jetzt bräuchte ich diesen Gott, an den ich doch schon längst nicht mehr glaube…“

Doch zurück zu unseren Zöllnern. Ihr Beruf ist ein beständiger Bruch mit Gott. Zugleich aber auch die Lebensgrundlage für sie und ihre Familien. Eine Zwickmühle. Sie sind Zöllner. Sie haben nichts anderes gelernt. Sie müssen Zöllner bleiben und wollen zugleich zurück zu Gott.

Sie fragen: „Was muss ich tun, um von Gott eine zweite Chance zu bekommen? Wie soll ich mich verhalten, damit ich diese Chance nicht wieder verspiele?“

Von Johannes, der sich als Einsiedler und Prophet in die Wüste zurückgezogen hat, versprechen sie sich Rat, und so nehmen auch sie den Weg unter die Füsse.

Auch wer sich heute beim Pfarrer oder der Seelsorgerin meldet, hofft auf kompetenten Rat. Seine Hoffnung sollte nicht vergeblich sein, denn wir Pfarrerinnen und Pfarrer sind nicht nur für das Predigen ausgebildet, sondern auch für das geistliche Gespräch und das Gebet unter vier Augen.

Es ist ein Geburtshelferdienst, den wir dabei übernehmen. Nicht die Seelsorgerin oder der Seelsorger sagt, was zu tun ist. Die Lösung entsteht im Gespräch in der Gegenwart von Gott. Sie kommt durch den Ratsuchenden in die Welt. Die göttliche Inspiration wird durch ihn zu einem Gedanken, einem Plan, einer formulierten Lösung. Der Seelsorgende begleitet den Prozess, hilft beim Gebären, doch gebiert nicht selber. Das seelsorgerliche Gespräch unter vier Augen ist so eine Begegnung von Gemeindeglied, Pfarrer und Gott, dem Heiligen Geist. Ein Ort, wo das Reich Gottes in der Welt Wirklichkeit werden kann!

Es ist darin diesen beiden biblischen Beratern ganz ähnlich. Auch Johannes zeigt den Zöllnern keine Lösung auf, die nicht in ihnen selbst schlummert. Eigentlich ist die Lösung schon in ihnen. Sie sind ohne sein Zutun zur Taufe gekommen.

Es ist ihnen klar: Umkehr vor Gott und trotzdem weiterhin mehr Zoll „heuschen“, als sie dürfen – das bleibt ein Widerspruch. Das geht nicht zusammen. Und doch: alles, was der Täufer ihnen rät, ist gerade das. Nicht mehr verlangen, als ihnen zusteht.

So wenig – und doch so viel. Er hilft, weil er sie unterstützt, diese Einsicht zu haben.

Johannes tut nicht viel. Umkehr und nur das zu verlangen, was einem zusteht, das sind keine grossen Tipps.

Aber es gelingt ihm mit dem Ritual der Taufe der Zöllner ein Zeichen zu geben. Ein Zeichen, in dem sie Gott selbst erfahren dürfen. Die Umkehr und das neue Leben gelten. Die Taufe ist das Siegel dafür.

Das gilt auch für die Seelsorgerinnen und Seelsorger. Sie sind keine besonderen Menschen, weil ihnen göttliche Gaben gegeben wären, die sie mit übersinnlichen Kräften ausstatten. Sie können keine Wunder tun. Was den Seelsorger vom weltlichen Berater unterscheidet, ist einzig das Gebet.

Ein Gebet – wenig vor der Welt und doch alles andere als nichts vor Gott! Es ist das Herz, das inständig auf Gott hofft und darum bittet. Keine grossen Worte – keine Form, die es haben muss. Das Gebet nützt, weil es den Nächsten liebt. Weil Seelsorger und Ratsuchende in ihm erkennen: Wir stehen vor Gott, dem gütigen Vater.

Mir als Pfarrer ist gerade darum das Gebet so wichtig.

Sogar dann, wenn es im Gespräch oder in der Begegnung nicht gelingt, miteinander zu beten – und das gibt es aus ganz unterschiedlichen Gründen. Selbst wenn das gemeinsame Gebet nicht möglich ist, weder am Anfang, noch dazwischen und auch nicht am Schluss, so ist das Gebet doch wirksam.

Denn wenn auch ein gemeinsames Gebet nicht gelingt, so bringe doch ich in meinem Gebet das vor Gott, was in der Nächstenliebe nachhallt.

Das Gebet wirkt. Das Gebet allein für sich, mit dem Pfarrer oder auch dann, wenn nur der Seelsorger betet. Ja, auch dann, wenn der Ratsuchende nichts von dem Gebet weiss.

Es nützt. Nicht weil es das Gebet braucht – Gott weiss schon, was wir nötig haben – aber doch, weil es gut ist, wenn für einen gebetet wird – ob man davon weiss oder nicht.

Das Gebet und die Unterstützung in ihm ist das, was ich als Seelsorger – nebst der fundierten Ausbildung – mit in jedes Gespräch bringe. Es ist Teil meines Hebammendienstes in der Seelsorge.

Der Berater, egal ob es sich um Johannes den Täufer oder den modernen Seelsorger handelt, spielt im Prozess eine kleine, aber doch wichtige Rolle. Er bringt nicht die Lösung, aber er hilft, sie zu finden. Im Prozess der Beratung ist aber der, der Rat sucht, wohl die wesentliche Person. Was er mitbringt, steht im Zentrum dieses Dreiecks aus Berater, Heiligem Geist und Ratsuchendem. Darum noch einmal zurück zu den Zöllnern.

Sie tun etwas Wesentliches. Man vergisst es aber gern oder sieht es nicht: Sie kommen. Sie kommen zu Johannes dem Täufer.

Die Ratsuchenden in biblischen Zeiten nehmen einen Weg unter die Füsse. Sie machen sich auf den Weg und kommen zu dem, von dem sie sich Rat erhoffen. Sie scheuen den Aufwand nicht.

Durch die ganze Bibel und Kirchengeschichte ziehen sich Berichte von Menschen, die sich auf den Weg machen. Die aktiv um Rat, um Begleitung, um ein Gespräch bemühen.

Auch uns als Christinnen und Christen steht der Weg offen. Wir sind eingeladen, wie die Zöllner zu Johannes in die Wüste zu gehen. Wir dürfen uns an eine Seelsorgerin oder einen Seelsorger wenden. Wir dürfen vor Gott kommen.

„Was sollen wir tun?“ haben die Zöllner am Anfang der Predigt gefragt. In der Begegnung mit Johannes dem Täufer haben sie erfahren, dass sie schon auf dem Weg zur Antwort sind. Sie haben sich aufgemacht, um Gott zu begegnen – dass sie sich aufgemacht haben, ist schon ein Teil der Antwort, die sie suchen.

„Was sollen wir tun?“ fragen auch wir uns, wenn wir in Not geraten. Wie die Zöllner dürfen auch wir uns aufmachen. Wir dürfen mit unserer Not vor Gott kommen. In der Begegnung mit Pfarrerinnen und Pfarrern, mit Seelsorgerinnen und Seelsorgern dürfen wir vor Gott über unsere Fragen reden. Im gemeinsamen Gespräch dürfen wir die Gegenwart Gottes erleben.

Dass das so ist, ist gut. Gerade in diesen Situationen, in denen wir – wie die Zöllner damals – uns von Gott ausgeschlossen fühlen.

Amen

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