Stell dir vor, dir würde die Möglichkeit angeboten, eine biblische Geschichte zu bereisen. Du dürftest also dabei sein, wenn Mose das Volk aus Ägypten befreit. Du könntest Augenzeuge des Kampfes zwischen David und Goliath werden. Du könntest bei der Bergpredigt dabei sein oder mit Paulus übers Meer fahren.
Doch du könntest nicht alles machen. Du müsstest dich für eine Geschichte entscheiden. Was würdest du wählen? Was würde deine Entscheidung leiten?
Ich gestehe: Mir würde die Wahl nicht leichtfallen. Da gäbe es so viel Spannendes! Einiges wäre wie eine Zeitreise – anderes wie das Betreten einer ganz anderen Welt: einer Welt von Sagen, Mythen und Märchen. Beides hätte seinen Reiz. Denn beides ist auf seine Art «wirklich».
Ich vermute, ich könnte am Ende der Versuchung nicht widerstehen und würde mir eine Wundergeschichte aussuchen. Die Sensation würde mich anziehen: das Staunen, das Geheimnis, die grenzenlose Freude, die wohl dazugehört, wenn Schrecken von einem genommen wird.
Ja, ich kann mir gut vorstellen, mit Paulus nach Troas zu reisen. Zu diesem Abschiedsfest vor einer grossen Reise. Die Stimmung ist gut. Man feiert einen Festgottesdienst. Man teilt Brot und Wein miteinander (Sie auch: In aller Munde – das täglich Brot). Es ist fröhlich – auch wenn die Predigt von Paulus an diesem Abend sehr ausufernd ist und der gute Mann einfach kein Ende findet. Doch was soll’s: Was er sagt, hat Gehalt. Und die Stimmung mit den vielen Öllampen – das ist einfach ein besonderer Augenblick.
Dann durchdringt ein Schrei die fröhliche Stimmung. Ein Schrei voller Entsetzen. Wo eben noch fröhliches Gemurmel war, ist es plötzlich muksmäuschenstill. Verwirrung. Was ist passiert?
Eutychus – ist er nicht eben noch am Fenster gesessen? – liegt auf der Strasse. Ganz verkrümmt. Er ist tot.
Die schreckliche Nachricht von der Tragödie am fröhlichen Fest verbreitet sich von einem zum andern. Man kann es nicht fassen! Der Besuch von Paulus – der Grund zur Freude – überschattet von einer Tragödie. Ein schrecklicher Unfall.
Doch dann – das Wunder.
Paulus eilt zum Leichnam von Eutychus. Er nimmt ihn in die Arme und ruft ihn zurück ins Leben. Dem Schrecken folgt die Erleichterung. Eine Erleichterung, mit der niemand rechnen durfte. Eine Erleichterung, die alle Gesetze von Tod und Leben, ja selbst die Gesetze der Natur ausser Kraft zu setzen scheint.
Wieder Lärm. Doch dieses Mal pure Freude: «Er lebt! Er lebt!»
Das sind Wunder! Wunder mit einem Ausrufezeichen dahinter. Ja, da wäre ich gern dabei gewesen. (Die Erzählung im Wortlaut findest du: Apg 20,7-12)
Und dann gibt es die andere Art von Wunder: Wunder ohne Ausrufezeichen.
Von diesen singt Katja Ebstein:
„Wunder gibt es immer wieder,
heute oder morgen
können sie geschehn.
Wunder gibt es immer wieder,
wenn sie dir begegnen,
musst du sie auch sehn.“
Zitat: Wunder gibt es immer wieder, Christian Bruhn und Günter Loose
Eine Aufnahme findest du hier.
Es gibt also auch Wunder, die man sehen muss – und die man genauso gut übersehen kann.
Es sind die kleinen Wunder. Die Wunder, die jeden Tag passieren: eine Blume, die an einer stark befahrenen Strasse blüht. Sie hat ihre Wurzeln in ein wenig Erde schlagen können, die der Wind hergeweht hat – und die von der Strassenreinigungsmaschine nicht erfasst wurde.
Oder die Begegnung mit einem Engel, der einem im Zug vis-à-vis sitzt und mit einem unerwarteten Wort einen trüben Tag aufhellt. Jemand, der einem noch rasch «Entschuldigung» nachruft, weil man die Tasche mit den Unterlagen für den wichtigen Vortrag fast im Zug liegen lässt. Oder jemand, der einfach ein Lächeln schenkt – an einem verregneten Tag.
Auch die Liebe, die Menschen miteinander verbindet, gehört zu diesen Wundern: «Ich hab dich gern – heb dir Sorge!» am Morgen. Eine WhatsApp-Nachricht: «Ich denke gerade an dich.» Der verliebte Blick auch nach vielen Jahren. Die Fähigkeit, einander noch überraschen zu können. Ja, überhaupt die erstaunliche Tatsache, dass viele von uns einen Seelenverwandten finden.
Kleine Wunder. Und doch wirkt für mich Gott in diesen mindestens so stark wie in den grossen biblischen Wundern – den Wundern mit Ausrufezeichen. (Einen verwandten Gedanken findest du unter dem Titel: Ein Segenswort auf die Reise des Lebens.)
Du glaubst mir nicht? Das ist dein gutes Recht. Die Wunder, die ich meine, sind darum manchmal auch Wunder mit einem Fragezeichen.
Ein Fragezeichen, weil sie einem das Wunderbare nicht mit einem Ausrufezeichen entgegenhalten. Weil es stille Wunder sind.
Für mich gibt es darum zwei Arten von Wundern: Wunder mit einem Ausrufezeichen – und Wunder mit einem Fragezeichen. Und persönlich sind mir die Wunder mit einem Fragezeichen näher. Denn diese kleinen Wunder sind unmittelbar. Sie sind so klein, dass sie den Blick auf das Göttliche nicht verstellen.
Ja, die Wunder mit Ausrufezeichen – so sehe ich es – können einem sogar den Blick verstellen: dann nämlich, wenn man vergisst, warum sie in der Bibel erzählt werden.
Wenn in der Bibel Wundergeschichten erzählt werden, sollen sie uns aufwecken. Die Spannung, die zu diesen Geschichten gehört, soll fesseln und verhindern, dass man beim Lesen wegdöst.
Die Wunder mit Ausrufezeichen sind ein Signal:
Achtung! Jetzt kommt etwas Wichtiges! Jetzt müsst ihr gut zuhören!
Wer nur das Wunder sieht, verpasst am Ende das Eigentliche. Ja: Vor lauter Wunder mit Ausrufezeichen verpasst man am Ende das Eigentliche.
Denn in der Geschichte geht es nicht zuerst darum, dass Paulus den jungen Mann wiederbelebt. Sondern darum, dass die Menschen Brot und Wein miteinander teilen. Dass sie Gemeinschaft werden.
Sie werden es nicht wegen des Wunders, sondern weil sie sich auf etwas eingelassen haben, das viel weniger Spektakel hat als ein Wunder: auf das Evangelium, auf die gute Botschaft von Jesus Christus.
Das eigentliche Wunder – das unsichtbare Wunder – ist, dass sich diese Menschen öffnen: füreinander, für Gott, für Hoffnung. Dass sie einander tragen. Dass sie miteinander weitergehen, auch wenn das Leben plötzlich kippt.
Ja – für mich sind das Wunder. Eben: Wunder mit Fragezeichen. Und doch wirkliche Wunder.
Die Wundergeschichten im Neuen Testament sind wie Ausrufezeichen. Sie sagen: «Achtung!» Jetzt musst du hinhören. Sie machen aufmerksam, wecken Neugier, öffnen das Herz.
Aber das Wunder mit Ausrufezeichen ist nicht das Eigentliche. Die Botschaft kommt erst danach. Und diese Botschaft ist selbst ein Wunder – nur eben eines mit Fragezeichen: ein tastendes Wunder, nicht offensichtlich, nicht laut.
Zum Wesen des Wunders mit Ausrufezeichen gehört leider auch, dass es von den stillen Wundern – von der Botschaft – ablenken kann. Dass es den Blick versperrt. Dass die Ohren so entzückt sind vom Wunderbericht, dass die eigentliche Botschaft überhört wird.
Jesus hat das vielleicht gewusst. Darum verbietet er Menschen und sogar Dämonen immer wieder, davon zu berichten. Doch niemand hält sich daran. Uns faszinieren Wunder. Sie ziehen Aufmerksamkeit auf sich. Wir erzählen gerne weiter, was aussergewöhnlich ist – und vergessen dabei manchmal, die eigentliche Botschaft weiterzuerzählen. Vielleicht gehört das zu unserem Menschsein.
Vor lauter Wundern können wir das Wunder verpassen. Und wenn dann die grossen Wunder in unserem Leben fehlen – wenn es eben nicht so ist wie bei Paulus und Eutychus –, dann sagen wir schnell: Gott ist nicht da. Und wo er nicht da ist, gibt es ihn nicht. Und wo es ihn nicht gibt, will ich mit ihm nichts zu tun haben.
Dabei war das Wunder damals gar nicht das Eigentliche. Das eigentliche Wunder ist das kleine Wunder: dass Menschen miteinander Brot teilen. Dass sie Gemeinschaft werden. Eine Gemeinschaft der Hoffnung. Eine Gemeinschaft, die die Sehnsucht nach dem Wunderbaren bewahrt – gerade in den Momenten, in denen es keine Wunder mit Ausrufezeichen gibt, sondern nur die Wunder mit Fragezeichen.
Die Blume am Strassenrand. Das Lächeln eines Fremden im Zug. Das «Exgüsi», das dich davor bewahrt, etwas Wichtiges liegen zu lassen. Und die Gemeinschaft, in der man davon erzählen kann. In der man miteinander nach dem Wunderbaren sucht. In der man darauf vertraut: Wunder gibt es immer wieder … wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehen.
Selten sind es die mit Ausrufezeichen. Aber oft sind es die mit Fragezeichen: Spuren des Göttlichen. Leise, fast nicht zu sehen – oft übersehen. Und doch da.
Darum: Haltet die Augen offen für die Wunder des Alltags. Und wenn ihr nur ein Fragezeichen findet, dann erschreckt nicht: Vielleicht ist genau dort Gott schon nahe. Wunder dich über die Wunder mit Fragezeichen.
Amen



