Bestellen den Garten deines Herzens

Wieder anderes fiel auf guten Boden und brachte Frucht: das eine hundertfach, das andere sechzigfach, das dritte dreissigfach.
Matthäus 13,8

In Gottes Liebe verbundene Menschen

Jesus lädt uns ein, guter Boden zu sein. Wir sollen weder Weg noch Fels oder Dornengestrüpp sein, sondern guter Boden. Doch was ist guter Boden? Was macht ihn fruchtbar? Was braucht es, damit der Boden unseres Herzens offen wird für das Wort Gottes und der Glaube in ihm wachsen kann?

Es ist ein altbekanntes Gleichnis, das wir heute Morgen gehört haben. Der Sämann streut den Samen. Ein Teil fällt nicht auf fruchtbaren Boden. Nur ein Teil geht auf. Doch was Frucht bringt, übertrifft den Verlust der vielen Samenkörner, die nicht aufgehen.

Es ist ein Gleichnis – so sagt es Jesus selbst. Eine kurze Geschichte, die etwas ganz Alltägliches erzählt: vom Säen eines Bauern im Frühling. Doch eigentlich handelt sie von etwas anderem. Von einer tieferen Wahrheit. Von einem Geheimnis, das sich in einer Geschichte weitersagen lässt.

So sind alle Gleichnisse – nicht nur die der Bibel – vielschichtige Erzählungen. Man kann sie auf ganz unterschiedlichen Ebenen lesen und deshalb auch unterschiedlich predigen.

Da ist zunächst die Ebene der Erzählung. Der Sämann steht im Zentrum.

Dann ist da die Ebene der Erfüllung des Prophetenwortes: »Sie werden hören und doch nicht verstehen; sie werden sehen und doch nicht erkennen …« Eine dunkle Ebene. Warum lässt Gott das zu? Warum fällt der Same des Glaubens nicht immer auf fruchtbaren Boden? Warum kann der Mensch sehen, ohne zu erkennen, und hören, ohne zu verstehen?

Ja, selbst den Jüngern muss Jesus das Gleichnis erklären. Das ist seine dritte Ebene. Jesus deutet das Gleichnis für seine Jünger. Er legt es auf ihre Zeit und ihre Lebenssituation hin aus.

Und doch gilt: So klar diese Deutung zunächst scheint, so sehr vernebelt sie zugleich das Geheimnis des Gleichnisses. Je heller sie leuchtet, desto deutlicher wird, wie tief dieses Geheimnis bleibt. So einfach das Gleichnis zu sein scheint, so schwer ist seine Botschaft letztlich zu lesen.

Jesus deutet das Gleichnis für eine ganz bestimmte Situation.

Mögen wir uns als Christinnen und Christen auch als Jüngerinnen und Jünger verstehen, so leben wir doch in einer anderen Zeit und in einem anderen Kontext. Die Deutung des Gleichnisses, die Jesus seinen Jüngern gibt, richtet sich deshalb nicht zwangsläufig auch an uns.

Ja, vermutlich richtet sie sich nicht einmal unmittelbar an die historischen Jünger. Vielmehr deutet der Evangelist Matthäus das Gleichnis für seine eigene Gemeinde. Er versucht seinen Hörerinnen und Hörern zu erklären, warum nicht alle das Evangelium angenommen haben. Warum seine Botschaft weder beim jüdischen Volk noch bei den Heiden überall auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Warum trotz grosszügiger Aussaat nur wenige zum Glauben gekommen sind. Und warum es sich trotzdem lohnt, weiterzusäen, auch wenn der Erfolg überschaubar bleibt und der Glaube das eigene Leben gefährden kann.

Doch das ist nicht mehr unsere Situation. Wir leben nicht in einer primär missionarischen Zeit. Niemand von uns muss wegen seines Glaubens um seine Gesundheit oder gar um sein Leben fürchten. Vielleicht erkennen wir uns höchstens noch in der Erfahrung wieder, dass die Kirche manchmal nur eine kleine Wirkung entfaltet.

Deshalb brauchen wir – und das ist für mich die vierte Ebene – eine eigene Deutung dieses Gleichnisses. Keine Deutung mit dem Anspruch auf absolute Wahrheit. Weder die einzig mögliche noch die einzig richtige. Sondern eine persönliche Deutung.

Sie beginnt mit der Frage:

Was sagt mir dieses Gleichnis heute?

Wo erkenne ich mich selbst darin wieder?

Wo spricht es zu uns als Gemeinschaft, die vom Wort Gottes lebt?

Meine persönliche Antwort lautet:

Ich erkenne mich in diesem Gleichnis in zwei Böden wieder. Im fruchtbaren Boden – und im Boden voller Dornen.

Ich höre den Ruf, fruchtbarer Boden zu sein. Gleichzeitig merke ich, wie mein Leben immer wieder zu jenem Boden wird, auf dem Dornen wachsen.

Es ist mit meinem Glaubensgarten ein wenig wie mit einem Gemüsegarten.

Der Boden ist gut. Es grünt und wächst. Doch der Garten braucht Pflege.

Überlasse ich ihn einige Wochen sich selbst, beginnt das Unkraut zu spriessen. Dornen breiten sich aus. Manches wächst schneller als das Gemüse, das ich eigentlich ernten möchte. Es nimmt den anderen Pflanzen das Licht, die Nährstoffe und das Wasser. Statt einer reichen Ernte bleibt der Korb im Herbst beinahe leer.

Ich muss also etwas dafür tun, dass mein Garten Frucht bringt. Ich muss den Boden pflegen, damit die Pflanzen wachsen und reifen können.

Was für den Gemüsegarten gilt, gilt auch für den Garten meines Glaubens. Soll der Boden meines Herzens fruchtbar bleiben, darf ich ihn nicht sich selbst überlassen. Ich bin gerufen, ihn zu pflegen, so wie ich auch meinen Garten pflege.

Im Gemüsegarten muss ich jäten. Sonst wird zwar alles schön grün, aber es wächst nicht das, was ich eigentlich wachsen lassen möchte. Jäten ist mühsam. Ich mache es nicht besonders gern. Aber es ist nötig.

Auch das Jäten im Garten meines Glaubens ist mit Mühe verbunden.

Dieses Jäten geschieht für mich im Gebet.

Nicht im Gebet, das Gott vor allem meine Wünsche vorträgt. Sondern im Gebet, das dankt. Das um Selbsterkenntnis bittet. Das still wird und hört.

Höre darauf, was Gott dir über dich selbst sagen möchte.

Wo es mir gelingt, im Gebet still zu werden, erkenne ich mich selbst. Dann sehe ich auch die Dornen meines Herzens.

Den Neid auf andere, denen scheinbar alles gelingt und die selbst für das bewundert werden, was ihnen ganz selbstverständlich von der Hand geht.

Die Wut, wenn etwas nicht so läuft, wie ich es mir wünsche.

Das Über-Ich, das sagt:

«Nun verzeih doch endlich!»

Obwohl der andere seinen Fehler gar nicht einsieht.

Den Geiz, der mich am Ende doch das günstigere Werkzeug kaufen lässt, obwohl ich weiss, dass ich eigentlich das andere wollte. Jedes Mal ärgere ich mich darüber. Vernünftig war der Kauf vielleicht. Gewollt war er nicht.

Ich tue das Gute – und merke doch, dass mein Herz etwas anderes will.

Ach, immer wieder wachsen Dornen in meinem Glaubensgarten.

Doch selbst ein gut gepflegter Boden genügt nicht. Der Glaube kann nur wachsen, wenn er Wasser bekommt.

Manchmal geschieht das ganz von selbst. Es regnet zur rechten Zeit. Doch dann gibt es wieder Trockenzeiten. Dann muss ich selber zur Giesskanne greifen – oder zur Bewässerungsanlage. Wenigstens solange, bis einem die Gemeinde empfiehlt, Wasser zu sparen, wie in diesem Sommer.

Glücklich ist, wer dann eine Regentonne oder gar eine Zisterne besitzt. Dort wird das Wasser des Frühlings und der Schnee des Winters gesammelt. Auch in langen Trockenzeiten kann daraus geschöpft werden.

Für meinen Gemüsegarten habe ich das leider nicht.

Für meinen Glaubensgarten aber schon.

Meine Regentonne ist die Bibel.

Sie bewahrt Geschichten, Bilder und Worte, die vom Wort Gottes Zeugnis geben. Das Wort Gottes ist nicht einfach mit den Worten der Bibel gleichzusetzen. Es ist das schöpferische Wort Gottes – jenes Wort, das, wie der Johannesprolog sagt, Fleisch geworden ist.

Die Bibel bewahrt dieses Wort nicht wie in einem Tresor. Sie schliesst es nicht ein. Sie bezeugt es.

Darum ist die Bibel für mich wie eine Zisterne. Immer wieder darf ich aus ihr schöpfen.

Wenn ich die Bibel lese, gebe ich meinem Glaubensgarten Wasser. Je regelmässiger ich daraus schöpfe, desto besser können die Pflanzen wachsen.

Das regelmässige Bibellesen hilft mir auch, Dürrezeiten im Glauben zu überstehen. Ja, manchmal wachsen die Wurzeln gerade in solchen Zeiten besonders tief.

Dazu braucht es gar nicht viel. Ein Kapitel am Tag. Vielleicht zwei. Zehn Minuten. Eine Viertelstunde.

Wie im Gemüsegarten kommt es nicht auf die Menge an, sondern auf die Regelmässigkeit. Einmal zu viel Wasser hilft wenig. Es überschwemmt den Boden, und vieles fliesst oberflächlich wieder ab.

Der Glaube wächst anders.

Er wächst langsam.

Regelmässig.

Tropfen für Tropfen.

So erreicht das Wasser die Wurzeln. So kann die Glaubenspflanze wachsen.

So jäte ich.

So giesse ich.

Doch in meinem Gemüsegarten braucht es noch etwas Drittes.

Lustigerweise heisst dieses Dritte «Gartensegen». So nennt sich der Dünger, den ich im Gemüsegarten verwende.

Auch mein Herzensboden braucht manchmal Dünger.

Dieser Dünger ist die Gemeinschaft mit Menschen, die dieselbe Hoffnung teilen.

Es muss dabei nicht in allen Punkten dieselbe Hoffnung sein. Es genügt, dass uns dieselbe Kraft trägt.

Es braucht auch kein bis ins Letzte identisches Glaubensbekenntnis.

Es genügt die gemeinsame Überzeugung, dass uns Gott angeht.

Dass das Leben Jesu von Nazareth, sein Sterben am Karfreitag und seine Auferstehung an Ostern etwas mit unserem Leben zu tun haben.

Gerade unsere Unterschiede werden so zum Dünger meines Glaubens. Andere Erfahrungen, andere Fragen und andere Zugänge lassen meinen Glauben wachsen.

Vielleicht ist das einer der tiefsten Gründe, weshalb wir Gottesdienst feiern.

Am Ende wird uns der Segen zugesprochen.

Es darf wachsen.

Es darf reifen.

Es darf Frucht bringen.

Der Sämann sät den Samen.

Das Wort Gottes fällt auf den Boden meines Herzens.

Ich möchte fruchtbare Erde sein.

Ich öffne mich seinem Wort.

Es darf in mir wachsen.

So bestelle ich den Boden meines Herzens.
Amen

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