Denn ich bin mir gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Hohes noch Tiefes noch irgendein anderes Geschöpf vermag uns zu scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.
Röm 8,38f.
In Gottes Liebe zur Gemeinschaft gerufene Menschen
Zehn Kräfte und Mächte zählt Paulus auf, die unseren Glauben bedrohen können. Alle zehn sind durchaus geeignet, das Vertrauen auf einen liebenden Gott zu erschüttern.
Ist es wohl Zufall, dass es gerade zehn Bedrohungen sind? Zumal sie doch zum Teil recht seltsam formuliert sind. So, als ob sie alle denkbaren Bedrohungen umschliessen sollen und zugleich genau zehn aufgezählt werden sollen.
Dabei kommt die Zehn in der Bibel auch immer wieder vor. Es sind zehn Plagen, die den Pharao dazu bewegen sollen, den israelitischen Sklavenfamilien die Freiheit zu schenken. Wobei das mit der Freiheit so nicht ganz stimmt. Eigentlich soll er ihnen ja nur die Erlaubnis geben, für einen Festgottesdienst in die Wüste zu ziehen – eine Gelegenheit, die Gott nutzen will, damit sie fliehen können … Zehn Plagen, die die Abhängigkeit vom göttlichen Pharao lösen sollen, damit das Volk sich dem wahren Gott anvertrauen kann.
Natürlich dürfen, wenn wir schon bei der Zahl zehn sind, die zehn Gebote nicht fehlen. Zehn Regeln, die den Bund zwischen Gott und seinem Volk stärken sollen. Jedes dieser Gebote bindet die Israelitinnen und Israeliten immer ein Stück mehr an den Geber dieses Gebotes. Der Bund wird stark durch die zehn Regeln für ein gelingendes Leben.
Auch im Neuen Testament kommt die Zahl zehn vor. Zehn Aussätzige heilt Jesus – doch nur einer von ihnen kommt zurück, um sich zu bedanken. Es ist ausgerechnet der Samariter. Der, der doch eigentlich vom Heil ausgeschlossen ist.
Es sind zehn Jungfrauen, die auf den Bräutigam warten. Doch nur fünf haben genügend Öl in ihre Lampen gefüllt. Von ihnen heisst es, dass sie schlau gehandelt haben.
Und das sind nur wenige Beispiele. Bibelforscher meinen, die Zahl zehn solle jeweils Vollkommenheit anzeigen. Zählt Paulus zehn Bedrohungen für den Glauben auf, dann ist das wohl genau so zu verstehen: Es ist vollkommen alles, was überhaupt infrage kommen kann. Wer zehn Dinge aufzählt, der hat nichts vergessen – zumindest scheint das für die Logik der Bibel so zu stimmen.
Paulus nennt also alle möglichen Gefahren. Er zählt sie in einer absteigenden Reihe auf – zumindest empfinde ich das so. Der Tod ist dabei die grösste Bedrohung. Die Bedrohung durch etwas Geschaffenes dagegen die kleinste Bedrohung. Alle anderen acht reihen sich dazwischen ein.
Machen wir es anders als Paulus und fangen mit dem Kleinsten an:
Eine Bedrohung durch etwas Geschaffenes – das tönt unglaublich kompliziert. Ich habe mich gefragt, was das konkret heisst. Was könnte Paulus meinen? Wie könnte man es in unsere Zeit übersetzen?
Ich habe nach einem Beispiel aus meinem Leben gesucht.
Etwas Geschaffenes – das muss etwas sein, das in der Welt existiert. Es ist nicht etwas, das in der Tiefe im Verborgenen ist, und nichts, das hoch am Himmel steht. Es müsste also etwas ganz Alltägliches sein. Etwas, das mit der Alltagserfahrung zu tun hat. Etwas, das mich von voller Lebendigkeit trennt. Das mein Lebendigsein für einen Moment vermindert.
Für mich ist das Angst. Wenn ich vor etwas Angst habe, dann nimmt mir das einen Teil meiner Lebendigkeit. Denn sie schränkt meine Wahrnehmung ein.
Etwas, das bei mir zuverlässig Angst auslöst, ist Höhe. Wenn ich von einem Balkon «hinunterschaue», wenn ich als Kind auf dem Sprungturm in der Badi gestanden bin oder als ich in der Feuerwehr den Höhenarbeits- und Rettungsgrundkurs gemacht habe …
Ein Teil der Ausbildung ist folgendes Szenario gewesen: Ein Jugendlicher steigt in seinem Übermut auf einen Baukran. Er klettert auf den Ausleger hinaus. Da verlässt ihn der Mut, und er sitzt fest.
Die Aufgabe für die Höhenrettung: Auf den Baukran steigen. Sich sichern. Gesichert auf dem Ausleger der zu rettenden Person entgegensteigen. Diese Person mit einem Rettungsgstältli zu sichern und sie schliesslich zu retten. Das heisst, man lässt sich zusammen mit ihr am Seil vom Ausleger hinab. Gehalten durch nicht mehr als ein Kletterseil, das etwas mehr als zwei Zentimeter dick ist.
Ja, das Szenario macht Angst und kostet auch beim Üben etwas Überwindung. Ich habe Glück gehabt und bin zum Sichernden eingeteilt gewesen.
Man macht sich seine Gedanken, wenn man so ein Kletterseil hält. Was mag das wohl tragen? Wie stark ist es wohl?
Wir haben es in einer zweiten Übung herausgefunden.
Einen Meter über dem Boden hat der Übungsleiter ein Sackmesser hervorgeholt und das Seil, an dem ich gehangen bin, langsam durchtrennt …
Wie tief hätte er wohl geschnitten, bis das Seil gerissen wäre und ich am Boden gesessen hätte?
Einen Millimeter? Ein Drittel durch das Seil? Halb durch? Oder gar nur noch ein Viertel vom Seil?
Weit gefehlt. Sogar die letzten zwei Stränge, aus denen das Seil geflochten ist, haben mich noch locker gehalten. Zwei von 24 Strängen, die das Seil gebildet haben. Ja, selbst als es nur noch einer gewesen ist, hat es immer noch gehalten.
Erst als der letzte Strang praktisch ganz durchtrennt gewesen ist, ist es ruckartig «niedsi» gegangen.
Beim Paulus läuft alles auf das Seil hinaus, das uns mit Gott verbindet. Es ist die Liebe, die in Jesus Christus lebendig ist. Diese Liebe ist so stark, dass sie auch dort noch hält, wo sie beschädigt ist. Nichts kann dieser Liebe etwas anhaben. Das Geschaffene, wie die Angst in der Welt, mag sie ritzen, doch sie hält noch längst. Und selbst wenn die stärkste Bedrohung – der Tod – an ihr nagt, ist immer noch mehr als genügend da, dass sie nicht reisst.
Die Liebe ist wie ein Kletterseil. Sie hält und gibt Sicherheit. Sie reisst nicht. Sie fängt auf, wenn der Mensch den Halt verliert und stürzt. Sie ist eine Sicherheits- und eine Führungsleine zugleich. Ich kann mich an ihr halten und spüren: Da ist eine, die mich hält.
Doch die Liebe ist mehr als ein Seil. Sie ist kein Ding, nichts Geschaffenes, das der Mensch nur gebrauchen oder zerstören kann. Anders als bei einem Kletterseil, bei dem jede Abschürfung, jeder Schritt und jeder kleinste Riss das Seil auf lange Sicht schwächt und der Schaden schlimmer wird, ist es mit der Liebe anders. Besonders mit dieser Liebe, die Gott in Jesus Christus zu uns hat.
Diese wird stärker, nicht schwächer. Wo ich auf diese Liebe vertraue, da wachsen diesem Seil neue Stränge. Wo ich mich dieser Liebe anvertraue, da wird sie fester und fester.
Nichts vermag uns zu scheiden von der Liebe Gottes – doch die Gewissheit, von der Paulus spricht, ist eben eine Gewissheit. Sie ist kein Wissen. Sie ist aber auch kein Glaube. Paulus sagt nicht: «Ich weiss, dass mich nichts scheiden kann.» Er sagt aber auch nicht: «Ich glaube, dass mich nichts scheiden kann.»
Nein: Ich bin mir gewiss, dass es so ist – denn ich habe es erlebt. Ich habe es erfahren. Mit jeder Erfahrung ist das Liebesseil stärker geworden. Mit jeder Erfahrung einer überwundenen Bedrohung bin ich mir gewisser geworden, dass das gilt.
Als ich mich zum ersten Mal in ein Seil gehängt habe, da hat das sehr viel Überwindung gebraucht. Mit jedem Mal aber ist es leichter geworden. Mit jedem Mal habe ich dem Seil und der Tatsache, dass es mich halten wird, mehr vertraut.
Wenn das schon bei einem Seil – bei einem geschaffenen Ding – gilt, wie viel mehr dann erst bei dem Glaubensseil, das in der Liebe Gottes in Jesus Christus besteht. Dieser Liebe, die sich gerade in Jesus Christus als stärker erwiesen hat als alle Gewalt der Welt – ja, als stärker als der Tod. Der Tod am Kreuz.
Weil diese Liebe mir, dir und uns allen gilt, dann gibt es wirklich nichts, das uns von Gott scheiden kann. Gott gibt diesem Seil seine Festigkeit. Er ist es, der es hält.
Wir aber dürfen wachsen in der Gewissheit. Wir wachsen, indem wir in all dem, was das Leben mit sich bringt und was uns fast von Gott trennen mag, im Vertrauen auf ihn festhalten. Indem wir uns auf die Erfahrung einlassen und darauf bauen, dass das Seil hält. Je stärker diese Erfahrung wird, desto kleiner wird unsere Angst. Desto mehr dürfen wir mit Paulus sagen:
«Denn ich bin mir gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Hohes noch Tiefes noch irgendein anderes Geschöpf vermag uns zu scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.»
Amen



