Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Güte, Rechtschaffenheit, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung. Gegen all dies kann kein Gesetz etwas haben.
Gal 5,22f.
Liebe Festgemeinde
Als ich ein Kind war, liefen am Samstag amerikanische Zeichentrickserien im Fernsehen. Nach der Schule – wir hatten am Samstag noch Schule – durfte ich ein oder zwei Folgen schauen.
An viele erinnere ich mich noch gut. Als ich in der fünften Klasse war, hatte es mir eine Serie besonders angetan: Spider-Man.
Für diejenigen, die Spider-Man nicht kennen: Die Hauptfigur ist Peter Parker. Um sein Studium zu finanzieren, arbeitet er als Reporter. Ein normaler junger Mann mit ganz normalen Problemen.
Doch eines Tages wird er an der Uni von einer Spinne gebissen, die durch radioaktive Strahlung mutiert ist. Nach dem Biss entwickelt Peter Parker Superkräfte und wird zu Spider-Man, der nicht nur gegen das Böse kämpft, sondern als Reporter auch gleich noch von seinen Heldentaten berichtet …
Na ja – Shakespeare ist es nicht …
Und doch faszinierte mich das damals. Wie wäre es wohl, wenn man durch einen Biss oder einen Unfall Superkräfte bekäme? Ein faszinierender Traum – doch fern jeder Realität …
Und doch … vielleicht gar nicht so fern jeder Realität.
Wenn ich den heutigen Lesungstext mit offenem Herzen höre, scheint die Sache mit der Superkraft plötzlich gar nicht mehr so unrealistisch.
Nicht durch einen Biss und nicht durch einen Unfall bekommt der Mensch diese Kraft. Es ist Gottes Geist, der sie in ihm wirken lässt.
Wenn ich Gottes Kraft als göttlichen Geist in mir wirken lasse, wenn ich dem Heiligen Geist Raum in mir und meinem Leben gebe, dann geschieht eine Verwandlung. Ich werde ein anderer Mensch. Ich verwandle mich. Der Geist wirkt an mir.
Ich bekomme keine spinnengleichen Kräfte wie Spider-Man – schliesslich ist es keine Spinne, die mich packt. Aber durch Gottes Kraft wachsen in mir neue Eigenschaften. Es wird gestärkt, was in mir zur Entfaltung kommen soll.
Gottes Geist wirkt in mir: Nächstenliebe, gelassene Fröhlichkeit, Geduld ohne Gleichgültigkeit, herzliche Güte, Sanftmut und vieles mehr. Der Geist stärkt das Vertrauen auf Jesus Christus, in Jesus Christus und durch Jesus Christus. Er spendet Trost in der Trauer und Hoffnung in finsteren Tälern. Er weicht mein Herz auf, wo die Enttäuschungen des Lebens es hart gemacht haben. Er nährt und stillt zugleich mein Verlangen nach Gott.
Wenn der Geist Gottes einen Menschen ergreift, dann bleibt das nicht unsichtbar. Der Mensch ist nicht mehr derselbe. Schritt für Schritt verändert er sich. Er nähert sich dem Gedanken an, den Gott über diesen Menschen gedacht hat.
Der Geist Gottes – eine Superkraft wie im Comic!
Und doch wirkt der Heilige Geist anders. Nicht sofort. Nicht auf einen Schlag. Es ist kein Zufall, dass der Apostel Paulus von den Früchten des Geistes redet.
Denn die Frucht des Geistes muss reifen. Das braucht Zeit – wie bei einem Samen, der in den Acker fällt. Es braucht Frühling, Sommer und Herbst, damit aus dem Samen Korn werden kann und die Frucht auf Feld und Acker reift.
Es muss reifen – und das braucht Geduld. Manchmal mit dem anderen. Manchmal mit sich selbst. Manchmal auch mit Gott.
Es braucht gute Bedingungen. Wo das Wetter nicht wüchsig ist, wächst auch die Pflanze nicht richtig. Die Frucht reift schlechter, die Ernte fällt kleiner aus. Das haben manche in diesem Jahr im Garten erlebt. Für manche Bauernfamilie war es traurige Realität – mit Folgen, die weit über die Ernte hinausgehen.
Ja, der Same muss auf das Land fallen. Der Geist muss dem Menschen ins Herz dringen. Doch damit die Frucht wachsen kann, müssen auch die Bedingungen stimmen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Und es liegt nicht alles in unseren Händen.
Darum sollen und dürfen wir dankbar sein für die Frucht, die reifen durfte. Für die Frucht vom Feld und vom Acker. Aber auch für die Frucht des Geistes in unseren Herzen.
Als Menschen dürfen wir ernten. Wir dürfen die Frucht geniessen. Wir dürfen uns von ihr Kraft und neue Energie schenken lassen.
Wir dürfen dankbar sein – und es immer wieder neu werden. Dankbar für die Früchte in Landwirtschaft und Garten. Dankbar für die Frucht des Heiligen Geistes in und unter uns. Dankbar für Gottes Gnade, die er uns immer wieder schenkt. Für seinen Geist, der in uns wirkt, wenn wir ihm vertrauen.
Amen



