Der Geist Gottes hat mich erschaffen,
der Atem des Allmächtigen macht mich lebendig.
Hiob 33,4
In Gottes Liebe verbundene Menschen
Der Mensch aus Erde
«Gott gab uns Atem, damit wir leben», textete Eckart Bücken in den frühen 1980er-Jahren. Als Lied haben wir es gesungen, und wir werden es später noch einmal singen – dann allerdings mit einer anderen Melodie und einem anderen Sound. Vielleicht ganz neu. Oder doch so, dass manche von uns nochmals ganz genau hinhören.
Der Text von Eckart Bücken nimmt den zweiten Schöpfungsbericht der Bibel auf. Auch diesen Text haben wir gehört. Zumindest einen Teil dieses Mythos. Er war unser heutiger Lesungstext. Er erzählt, wie Gott als Erstes den Menschen erschafft. Zwar gibt es Erde und Himmel. Doch es fehlt noch an Büschen und Bäumen. An Tieren, die durch die Luft fliegen oder im Wasser schwimmen. Nichts schleicht, krabbelt, galoppiert, zieht, rennt oder schreitet über die Erde. Wüst und leer ist die Welt. Gott ist ihr einziger Bewohner.
Doch jetzt macht Gott sich ein Gegenüber. Er erschafft den Menschen. Als Gattung. Als Menschheit. Er schafft nicht Adam als Individuum, sondern den Menschen an und für sich. Im Hebräischen steht zunächst nicht der Eigenname «Adam», sondern die Gattungsbezeichnung: ha-adam – der Mensch.
Exkurs: Mann und Frau
Zum Individuum wird der Mensch im zweiten Schöpfungsbericht erst in dem Moment, in dem er geteilt wird. Erst als Gott die Frau schafft und der Mensch nicht länger zugleich die ganze Menschheit ist, wird aus dem Menschen Adam. Eva erhält ihren Namen sogar erst ein Kapitel später; und wohl auch erst dort begegnet uns Adam wirklich als Eigenname. Die berühmte Rippe – hebräisch zela – lässt sich dabei eher mit «Seite» übersetzen. Erst jetzt entstehen Individuen mit eigenen Namen, Haar- und Augenfarben, Brüsten oder Bartwuchs … schlicht Mann und Frau.
Doch so weit sind wir noch nicht. Gott schafft den Menschen. Darum gilt, was nun kommt, für alle Menschen. Es gibt keine Vor- oder Überordnung unter ihnen – zumindest keine, die sich auf diesen Schöpfungsakt berufen könnte. Denn es gibt noch weder Mann noch Frau noch all das, was dazwischenliegt. Es gibt weder binär noch nonbinär. Es gibt nur den Menschen, der zugleich die Menschheit ist.
Von diesem Menschen heisst es, dass Gott ihn aus Staub geschaffen habe – wörtlich aus losem Erdreich, aus dem Boden, aus Humus. Der Mensch – wissenschaftlich homo sapiens – ist, wenn man mit den Wörtern spielt, der kluge Erdgeborene. Denn im lateinischen homo (Mensch) klingt dieselbe Wurzel wie in humus (Erde).
Gott gab uns Atem, damit wir leben
Doch jetzt geschieht etwas Wundersames. Gott bläst dem Erdmenschen Leben ein. Er gibt ihm Atem. Er gibt ihm etwas, das nicht einfach Materie ist. Er gibt dem Menschen etwas von göttlicher Qualität. Er gibt ihm Geist.
«Gott gab uns Atem, damit wir leben.» Das ist ein Geschenk. Unverdient und ohne Verpflichtung. Atem und Leben sind dem Menschen geschenkt, egal, ob er sich um Gott kümmert oder nicht. Egal, ob gläubig oder ungläubig. Egal, ob gewiss oder zweifelnd. Egal, ob nach dem Guten strebend oder …
Es ist ein Geschenk. Und was für ein Geschenk!
Mit diesem Geschenk eröffnet sich zugleich eine Möglichkeit. Eine Möglichkeit, die Entscheidung erst möglich macht. Eine Möglichkeit, die den Menschen über seine rein materielle Existenz hinausführt. Sie eröffnet ihm die Freiheit, nicht nur um sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zu kreisen. Sie ermöglicht ihm, etwas oder jemand anderen ins Zentrum zu stellen.
Kurz gesagt: Es ist die Möglichkeit, sich dem Leben in Fülle zuzuwenden. Einem Leben, das mehr ist als Überleben. In Anlehnung an das Lied könnte man sagen: «Gott gab uns Atem, damit wir uns dem Leben zuwenden.»
Gott bläst dem Menschen den Atem ein. Doch der Mensch kann diesen Atem nicht festhalten. Und das ist gut so. Ich atme ein – ich atme aus. Es ist der Rhythmus des Lebens.
Natürlich kann ich den Atem anhalten – vielleicht zwei oder zweieinhalb Minuten. Andere schaffen Erstaunliches. Apnoetaucher halten viele Minuten lang die Luft an. Doch selbst sie müssen irgendwann wieder ausatmen und neu einatmen. Niemand kann den Atem für immer behalten.
Der Atem ist ein Geschenk – doch der Mensch kann ihn nicht für sich behalten. Er muss ihn wieder loslassen. Erst der Wechsel von Ein- und Ausatmen, erst dieses Hin und Her lässt ihn leben. So bleibt der Atem etwas, das dem Menschen nie ganz gehört. Er bleibt etwas Göttliches.
Ja, mit Hiob lässt sich sagen: «Der Atem des Allmächtigen macht mich lebendig.»
Nicht ich atme. Gott atmet in mir.
Gott gab uns Atem, damit wir uns dem Leben zuwenden.
Wenn ich das erkenne, wende ich mich dem Leben zu. Sich dem Leben zuzuwenden bedeutet nicht, dass ich nun erst recht zum Egoisten werde. Es bedeutet auch nicht, dass ich aus moralischer Zerknirschtheit mein Leben überdenke und reumütig umkehre. Es hat nichts mit Zwang und schon gar nichts mit Erpressung zu tun. Gott atmet auch dort in mir, wo ich mich dem Leben nicht zuwende …
Nein, sich dem Leben zuzuwenden meint etwas anderes. Es bedeutet, dass ich mich als Atmenden unter Atmenden erkenne. Dass ich ein atmendes Wesen bin, mitten unter Wesen, die ebenfalls atmen wollen.
Ich wende mich dem Leben in der Gestalt des anderen zu – dem fremden Leben. Ich atme mit dem anderen. Ich höre zu und werde gehört. Ich verstehe und werde verstanden. Unser Atem beginnt, einen gemeinsamen Rhythmus zu finden. Er wird zur Harmonie.
Er wird nicht völlig zu einem einzigen Atem. Doch je näher mir jemand steht, desto mehr nähern sich unsere Atemrhythmen einander an. Wir passen uns aneinander an – fast so, als wären wir aus demselben göttlichen Atem. Fast so, als wären wir aus demselben göttlichen Geist geschaffen …
Oder sind wir es etwa?
Geschieht im gemeinsamen Atmen, im gemeinsamen Hoffen und Bangen, im Trauern und Trösten, im Sichfreuen und Lachen – kurz: im geteilten Leben – etwas Göttliches? Begegnen wir gerade in der Gemeinschaft mit dem anderen auch Gott?
Es würde mich nicht wundern. Denn Gott gibt dem Menschen als Menschen den Atem. Die Trennung, die uns zu Individuen macht, kommt erst danach. Erst nachdem der göttliche Atem gegeben ist, erfolgt die Trennung. Erst dann entsteht das Ich – weil es ein Du gibt. Erst dann wird aus einem zwei und dann viele.
Vielleicht wissen wir ganz tief in uns darum, dass wir eins gewesen sind, als wir den Atem geschenkt bekommen haben. Vielleicht steckt etwas von dieser Sehnsucht in uns, die uns nach einem Gegenüber suchen lässt, das uns erst ganz macht. Vielleicht werden wir immer nur in diesen Momenten des gemeinsamen Atmens ganz – zum ganzen Menschen. Ungetrennt. Dem Leben zugewandt.
Gott gab uns Atem, damit wir singen
Wo finde ich am einfachsten in einen gemeinsamen Atem? Beim Singen mit anderen.
«Gott gab uns Atem, damit wir singen», könnte es nicht nur heute am nationalen Singsonntag heissen.
Singen ist Atmen mit Tönen. Wo Menschen miteinander singen, atmen sie zusammen. Sie lassen ihre Stimmen in einen gemeinsamen Klang einfliessen. Jeder und jede wird Teil eines grossen Chores.
Im Chor bringe ich mich mit meiner Stimme ein. Sie bleibt meine Stimme – mit all ihrer Individualität. Sie bleibt laut oder leise, brüchig oder fest, fragend oder bestimmend, hoch oder tief. Und doch löst sie sich von mir – nicht völlig, aber gerade weit genug, um sich mit anderen Stimmen zu verbinden. Fast so, als fände wieder zusammen, was zusammengehört und sich nur getrennt hat, weil wir Menschen eben viele geworden sind.
Im gemeinsamen Klang entsteht Harmonie. Für mich ist sie das Echo jener ursprünglichen Einheit, des Einsseins des Menschen, den Gott geschaffen hat. Und für mich ist sie zugleich der Klang einer Hoffnung: dass einst wieder zusammenfindet, was doch immer schon zusammengehört hat. Dass der Atem fliessen darf. Als göttliches Band zwischen Gott und Mensch.
Denn:
«Der Geist Gottes hat mich erschaffen,
der Atem des Allmächtigen macht mich lebendig.»
Amen



