Der Herr, euer Gott, ist der Gott der Götter und der Herr der Herren, der grosse, starke und furchtbare Gott, der kein Ansehen der Person kennt und keine Bestechung annimmt, der der Waise und der Witwe Recht verschafft und den Fremden liebt, sodass er ihm Brot und Kleidung gibt.
Dtn 10,17–18
In Gottes Liebe verbundene Menschen
Am Sonntag vor der Abstimmung über die Neutralitätsinitiative ist es vielleicht heikel, über den Begriff «Neutralität» zu reden. Die Kirche soll sich bitte heraushalten. Sie soll sich nicht in die Politik und in den Staat einmischen. Sie darf zwar eine Meinung haben, aber diese bitte nur im privaten Rahmen äussern. Wo diese Meinung – und sei sie auch christlich begründet – vom Kirchturm weht, wird es schwierig. Austritte aus Protest sparen auch die Kirchensteuer und machen es schwer, die Kernaufgaben von Kirche zu erfüllen.
Nein, die Politik soll bitte nicht das Geschäft der Kirche sein. Sie hat einen anderen Auftrag.
So verstehe ich zumindest das Bettagsmandat der Kirchenräte der Reformierten, der Römisch-katholischen und der Christkatholischen Landeskirchen. Ich hoffe, ich verstehe es falsch.
Und doch – die Stichworte, die im Bettagsmandat fallen, zeigen in eine Richtung. Die Kirchen – als reales Abbild der einen unsichtbaren, idealen Kirche Jesu Christi – sollen die Diskussion fördern, und sie sollen Raum zum Dialog und zum Diskurs öffnen. Sie sollen die zahlreichen Bubbles, in denen der moderne Mensch lebt, durchbrechen und zum Platzen bringen (oder ist sie gar selbst eine Bubble, die sich ihres Bubbleseins nicht bewusst ist?). Sodass wir uns in der Kirche nicht nur mit solchen aus der eigenen Bubble in frommer Eintracht unterhalten, sondern mit all jenen in einen echten Dialog eintauchen, die gerade nicht unserer Meinung sind. Es sollen Gespräche und Diskussionen in und durch die Kirchen ermöglicht werden, die wie Brücken sind. Gesprächsräume, die die Begegnung mit dem anderen möglich machen.
Damit die Kirchen das können und so zu Partnern des Staates werden, verzichten sie sogar auf den traditionellen Anspruch, die christlichen Werte zu vermitteln (oder doch nicht?). Denn dies sei – so lese ich das Bettagsmandat – zwar früher sinnvoll gewesen, als die Gesellschaft zwar konfessionell gespalten, aber doch im Glauben an den einen Gott verbunden gewesen sei. Heute aber sei dies nicht mehr zeitgemäss und äusserst problematisch – sei diese Sicht doch nicht neutral und es entsprechend schwierig, Partner eines Staates zu sein, der eben neutral sein muss. Neutral gegenüber allen Religionen, sogar dann, wenn diese ganz ohne Gott auskommen wie der Atheismus.
Schon wieder das Wort «neutral». Scheinbar können wir ihm heute gar nicht entkommen.
Natürlich muss der Staat in einer pluralistischen Gesellschaft neutral sein. Neutral gegenüber seinen Bürgerinnen und Bürgern. Neutral gegenüber den Geschlechtern. Frauen haben die gleichen Rechte wie Männer. Die gleichen Rechte gelten nonbinären Menschen. Jeder Mensch soll und darf in unserer Gesellschaft denken und glauben, was er, sie, xier, dey oder bla möchte.
Das ist gut und richtig. Der neutrale Staat hat darum die Aufgabe, alle Formen von Religion vor Anfeindungen, Angriffen und Übergriffen zu schützen.
Zugleich muss er aber auch alle Menschen vor Anfeindungen, Angriffen und Übergriffen durch jede Form von Religion schützen. Der neutrale Staat ist Garant der Religionsfreiheit als doppelter Freiheit: als Freiheit von und zugleich als Freiheit zu. Beides ist Aufgabe des Staates.
Doch wie ist es jetzt mit der Kirche? Wie ist es mit Gott? Nicht nur mit dem Gott des Neuen Testaments. Wie ist es mit dem Gott des Alten Testaments? Dem Gott, der sich als Richter zeigt und nicht davor zurückschreckt, auch zu strafen? Dem Gott, von dem es in den Versen über der Predigt heisst: «Der Herr, euer Gott, ist der Gott der Götter und der Herr der Herren, der grosse, starke und furchtbare Gott.»
Können wir von diesem Gott gar etwas darüber lernen, was neutral und Neutralität heissen können?
Legen wir die Verse unter die Lupe. Nehmen wir sie auf dem Seziertisch der Theologie auseinander. Machen wir sie auf und schauen in ihr Innerstes. Wir klappen die erste Schicht über den grossen und starken Gott auseinander. Darunter finden wir:
«der kein Ansehen der Person kennt und keine Bestechung annimmt»
Es zeigt sich ein Gott, der nicht nach Rang und Status fragt. Der Bundesrat zählt für ihn gleich viel wie der Asylsuchende, der gerade erst über die Grenze tritt. Das kleine Baby hat den gleichen Wert vor ihm wie ein Mensch, der gerade den letzten Schritt über die Schwelle zwischen Leben und Tod tut. Die Olympiasiegerin im Saft ihrer Kraft und so fit, wie ein Mensch nur sein kann, zählt vor Gott gleich viel wie der Mensch mit fortgeschrittener MS-Erkrankung oder in der letzten Phase einer Demenz.
Dieser Gott schaut nicht auf den Kontostand. Weder auf den auf der Bank noch auf den der Moral. Ja, er zeigt sich gleichmütig auch gegenüber religiöser Bestechung durch fromme Übungen, beschwörende Gebete und Deals nach dem Motto: so du mir, so ich dir …
Dieser Gott ist neutral. Neutral gegenüber jedem Menschen. Er ist Gott jedes Menschen, selbst des schlimmsten Diktators und sadistischen Verbrechers.
Dieser Gott eröffnet jedem Menschen Raum, denn er schenkt jedes Leben. Er gibt Lebensraum.
So wie dieser Gott Raum schafft, so soll die Kirche Raum schaffen für den Dialog und Diskurs. Für die Begegnung von Mensch zu Mensch. Ohne Ansehen der Person und ohne bestechlich zu sein. Neutral und der Neutralität verpflichtet.
Oder doch nicht? Oder gibt es da doch noch eine Schicht darunter?
Schneiden wir weiter. Dringen wir durch die Neutralität Gottes hindurch. Dort treffen wir auf eine andere Art von Gewebe: «der der Waise und der Witwe Recht verschafft und den Fremden liebt, sodass er ihm Brot und Kleidung gibt.»
Dieser neutrale Gott tritt in seinem innersten Wesen für das Recht der Rechtlosen und das Brot der Brotlosen ein. Er nimmt Partei für die, für die niemand sonst Partei ergreift. Er nimmt sich der Schwachen, der Geschundenen, der Angefeindeten und Angegriffenen an.
Er nimmt sich dessen an, dessen sich sonst keiner annimmt. Was für ein Gott!
Was für ein Gottesbild – gerade in einer Welt, in der das Recht der Stärkeren herrscht. Gerade in einer Gesellschaft, die durch ein Stammes- und Gruppendenken geprägt ist!
Vor mehr als 2500 Jahren nimmt sich der Gott des Deuteronomiums – des 5. Buches Mose, wie es auch heisst – jener an, die die Gesellschaft ausschliesst. Es wird zur Kritik an den eigenen Zeitumständen und der eigenen Gesellschaft. Was für ein starker Text. Was für ein starkes Stück!
Die Neutralität Gottes, die die Person nicht ansieht und keine Bestechung annimmt, ist nicht Selbstzweck. Sie dient nicht dem Erhalt des Staates, der Religion oder der Macht. Sie ist vielmehr auf die Menschen in Not gerichtet.
Die Neutralität Gottes schafft die Voraussetzung dafür, dass sich Gott dem Menschen in Not zuwenden kann. Sie ist nicht Neutralität der Gleichgültigkeit, sondern eine Neutralität, die den Raum des Handelns aus Liebe ermöglicht.
Gott ist neutral und ergreift doch Partei für die Menschen am Rand.
Kirchliches Handeln und Reden muss – will es denn kirchliches Handeln und Reden sein – sich an diesem höchsten Vorbild orientieren.
Kirche schafft so Raum. Einen Raum für alle Menschen und in dieser Hinsicht einen neutralen, für alle offenen Raum. Doch ist sie selbst nicht neutral – sie kann es nicht sein, auch nicht religiös. Sie muss parteiisch sein. Aber parteiisch nicht für sich, sondern für die Menschen am Rand. Sie muss sich dafür einsetzen, dass das Recht des Rechtlosen geachtet wird. Sie teilt ihr Brot mit den Hungernden. Sie verkündet Gottes Wort – nicht als ein Wort von vielen, sondern als Gottes Wort.
Die Kirchen müssen dabei keine perfekten Orte sein. Sie müssen keine perfekten Lösungen präsentieren. Sie müssen keine Werte lehren, doch stets daran erinnern, dass diese Werte ihren Ursprung haben.
Kirchen dürfen sich partnerschaftlich an die Seite des neutralen Staates stellen – doch sollen sie sich ihres eigenen Fundamentes stets bewusst sein. Sie sollen dem Wort Raum geben und so Räume des Lebens schaffen.
Sie sollen es in der Gewissheit des fünften Buches Mose tun:
«Denn der Herr, [hier darf man sagen: ‹unser aller›] Gott, ist der Gott der Götter und der Herr der Herren, der grosse, starke und furchtbare Gott, der kein Ansehen der Person kennt und keine Bestechung annimmt, der der Waise und der Witwe Recht verschafft und den Fremden liebt, sodass er ihm Brot und Kleidung gibt.»
Amen



