Ein täglicher Gedanke in Zeiten des Virus – Tag 56

Beim Kreuze Jesu aber standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas und Maria aus Magdala. Als nun Jesus die Mutter sah und neben ihr den Jünger stehen, den er lieb hatte, sagt er zur Mutter: „Frau, siehe, dein Sohn!“ Hierauf sagt er zum Jünger: „Siehe, deine Mutter!“ Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger in sein Haus.“
Joh 19,25-26

Liebe Gemeinde

Es ist schon einige Jahre her, dass ich bei einer Familienfeier beobachten konnte wie meine Cousine mit ihrem ersten Kind spielte. Lydia war damals noch ein Baby und erst wenige Monate alt. Meine Cousine trug sie in einem dunkelblauen Babysitz mit sich, den man wie einen Korb tragen konnte. Darin lag Lydia die meiste Zeit.

Immer wenn sich ihre Mutter über das Körbchen beugte und Lydia sie sah, da strahlte sie über das ganze Gesicht. Meine Cousine spielte mit ihr Verstecken, wie man eben mit einem Baby verstecken spielt. Sie hielt sich die Hände vors Gesicht, so dass Lydia an Stelle des Gesichts der Mutter nur deren Hände sah. Das missfiel Lydia und sie verzog das Gesicht und war kurz davor mit Weinen zu beginnen.

Doch als meine Cousine ihre Hände vor dem Gesicht wieder wegzog und mit lächelndem Gesicht auf Lydia blickte, da gefiel es auch dem Baby wieder. Es strahlte und lachte zurück. So ging das einige Male hin und her.

Diese kleine Begebenheit zwischen Mutter und Kind ist ein harmonisches Bild der Beziehung von Mutter und Kind. Es geht viel Wärme und Liebe aus von dieser Beziehung. Wärme die ein Kind nur von seiner Mutter empfangen kann. Eine Wärme, die es braucht um sich der Liebe der Mutter gewiss zu sein.

Doch zeigt uns dieses Bild auch einen gewissen Ernst der Lage. Als Lydia das Gesicht ihrer Mutter nicht mehr sah, da wurde sie ganz unruhig. Es wurde ihr Angst und Bange. Wo war nur die Mutter hin? Sie sah ihre Mutter nicht mehr und war ganz verloren in ihrer kleinen Welt. Es fehlte ihr für einen Augenblick die Wärme der Beziehung.

Erst als sie das Gesicht ihrer Mutter wieder sah, da war die Welt für Lydia wieder in Ordnung. Die Mutter war wieder da.

Das Gesicht ihrer Mutter und die damit verbundene Wärme ist für Lydia die Basis ihres Vertrauens. Mit dem Gesicht ihrer Mutter ist die Beziehung von Mutter und Kind aufs engste verknüpft.

Aber nicht nur für Babys ist das Gesicht der eigenen Mutter für die Beziehung wichtig. Auch für uns ist der Kontakt von Angesicht zu Angesicht wesentlich für den Aufbau unserer Beziehungen. Im Gesicht des Gegenübers erkennen wir, wie sich das Gegenüber zu uns stellt. Schon von frühster Kindheit an haben wir gelernt den Gesichtsausdruck von Menschen zu deuten. Es genügt ein Blick und wir wissen ob unser Gesprächspartner wütend, fröhlich, traurig oder vergnügt ist.

Die Bedeutung des Anblicks des Gesichts hat  auch ihren Ausdruck in unserer Sprache gefunden. So sprechen wir davon, wenn es uns ernst ist, dass wir, was wir zu sagen haben, dem anderen ins Gesicht sagen. Oder um ein positives Beispiel zu nehmen. Wir haben uns auf den ersten Blick in jemanden verliebt.

Auch die Bibel spricht davon. Im alttestamentlichen Segen, den sie bestimmt schon am Ende eines Gottesdienstes gehört haben, heisst es etwa: „lass dein Angesicht leuchten über uns“. Das Angesicht Gottes das über uns leuchtet ist Ausdruck für die Beziehung von Gott zu uns Menschen. In seinem Angesicht spüren wir wie kleine Kinder die Wärme der Beziehung. Gottes Angesicht ist für uns wie das Gesicht unserer Mutter.

Auch Jesus spricht in unserem Predigttext davon, dass sich seine Mutter und der Lieblingsjünger anschauen sollen. Sich von Angesicht zu Angesicht begegnen. “Siehe, dein Sohn!“ und „Siehe, deine Mutter!“ Beide schauen sich an und es kann eine neue Beziehung entstehen.

Gute Beziehung setzt voraus, dass wir uns ins Gesicht schauen ohne dass eine Maske dazwischen ist. Unverhüllt und unmaskiert. Nur hier entsteht Vertrauen. Gerade in unsere Zeit eine besondere Herausforderung. Wir beginnen erst langsam zu begreifen, was Corona und seine Folgen für unser Leben heisst!

Wenn einem Kind das Gesicht seiner Mutter vorenthalten wird, dann kann keine Mutter-Kind-Beziehung entstehen, die auf Vertrauen aufbaut. Auf das Vertrauen, das im Anblick des Gesichtes der Mutter entsteht. Dieses Vertrauen ermöglicht dem Kind erst Geborgenheit zu empfinden. Geborgenheit, die es in einer Welt, in der es nicht alleine Überleben, geschweige denn Leben kann braucht. Das Gesicht der Mutter. Die vertrauensvolle Beziehung zur Mutter verankert das Leben eines Kindes in der Geborgenheit.

Geborgenheit ist der Ausgangpunkt des Kindes um seine Welt zu entdecken. Das Kind muss sich etwas trauen. Es muss die enge Bindung zur Mutter verlassen, um die Welt zu entdecken. Und es kann sich etwas trauen, wenn es die Geborgenheit spürt und weiss, dass es nicht aus dem Vertrauensverhältnis zur Mutter herausfallen kann.

Das Pflanzen dieses Urvertrauens der Geborgenheit ist wohl die wichtigste Aufgabe einer Mutter. Wenn es ihr gelingt ihrem Kind dieses Vertrauen mit auf den Lebensweg zu geben, dann kann das Kind die Welt entdecken. Es wird fit werden fürs Leben. Meiner Mutter ist dies gelungen und dafür bin ich ihr dankbar.

Es ist eine unglaubliche Aufgabe, ein Kind fit zu machen fürs Leben. Ich denke ich bin nicht der einzige, der das manchmal zu vergessen droht.

Oft fällt uns ja gerade das ein, was unsere Mutter falsch gemacht hat. Dass wir als Kinder zu früh ins Bett mussten. Dass wir zu oft alleine waren. Das wir ungerechtfertigterweise bestraft wurden. Dass wir das Gefühl hatten, dass unsere Mutter die Schwester oder den Bruder mehr liebt.

Aber gemessen an der Grösse der Aufgabe Mutter zu sein, sind das im Grunde nur Kleinigkeiten.

Mutterschaft beginnt mit der Schwangerschaft. Damit verbunden ist ein komplettes Umkrempeln der Hormone. Eine Zeit des reinen Stresses, den unsere Mütter über sich ergehen liessen, damit wir in ihrem Leib vom Embryo zum Kind reifen konnten.

Mit der Geburt endet die Aufgabe einer Mutter aber nicht. Sie beginnt nun erst richtig. Oft wird darüber diskutiert ob wir Männer überhaupt in der Lage wären, die Schmerzen einer Geburt zu ertragen, die jede Mutter durchsteht.

Doch wenn man mit jungen Müttern spricht, so stehen diese Schmerzen gar nicht im Zentrum. Vielmehr hört man davon, wie beglückend und wunderbar das Erlebnis der Geburt gewesen sei. Dass man dabei etwas von der Gegenwart Gottes gespürt habe. Schliesslich sei bei der Geburt neues Leben entstanden. Ein neues Leben für das Mutter und Vater für viele Jahre Verantwortung tragen.

Für Mutter und Vater beginnt nun eine Zeit der Aufopferung für das Kind, auch wenn gerade die Aufopferung auch heute noch meistens bei der Mutter liegt. Das Baby muss rund um die Uhr versorgt werden. Es will gefüttert werden, Windeln müssen gewechselt werden und es will unterhalten sein, und zwar rund um die Uhr, sieben Tage in der Woche. Und dies doch zumindest für die ersten Lebensjahre (und bei einigen Männern wohl auch weit darüber hinaus).

Der Sänger des 121. Psalms sagt von Gott: „Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.“ Wie eine Mutter rund um die Uhr für ihr Kind da ist, so ist auch Gott immer für uns da. Er braucht keinen Schlaf und er schlummert nie. Dann, wenn eine Mutter nachts ihr Kind für einige kurze Stunden des nötigen Schlafs alleine lässt. Dann wacht Gott für die Mutter weiter und sie soll und darf einen erholsamen Schlaf finden.

Wenn die Kinder beginnen selbständiger zu werden, dann beginnt vor allem für die Mutter auch die Zeit der begründeten aber auch der grundlosen Sorgen. Wo steckt nur der Kleine? Ob ihm auch wirklich nichts passiert? Hoffentlich fällt er nicht vom Baum herunter! Hoffentlich geschieht ihr nichts Schlimmes! Und so weiter.

Da wo es wichtig ist, dass Mann bzw. Frau dem Kind Freiraum lässt, auch wenn davon immer auch eine gewisse Gefahr für das Kind ausgeht, dort so denke ich darf man dies immer auch im Vertrauen auf Gott tun. Denn Gott geht auch da mit, wo eine Mutter nicht mitgehen kann. Psalm 23 sagt: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, ich fürchte kein Unglück, denn du bist bei mir.“

Wenn man Kindern beim Spielen und Toben im Wald beobachtet, so scheinen sie den Zuspruch dieses Verses längst verinnerlicht zu haben. Voll Mut klettern sie auf Bäume, springen über Bäche und rennen mit halsbrecherischem Tempo Abhänge hinunter. Sie haben keine Angst, nur wir Erwachsenen fürchten manchmal bei solchem Anblick um die Gesundheit der Kinder.

Und wenn dann doch mal etwas passiert, dann sind Mütter mit ihrem Trost und Zuspruch nicht weit. Sie ermutigen ihre Kinder immer wieder. Wenn wir scheitern, so haben uns gewiss unsere Mütter immer wieder von neuem motiviert.

Dieses Bild des Trostes der Mutter nimmt Jesaja auf. „Wie einen seine Mutter tröstet, so will ich euch trösten.“ Er der dem Volk das Gericht Gottes über ihr Leben angekündigt hat, weiss, dass von Gott nicht nur Gericht droht. Am Ende des Prozesses steht nicht die endgültige Trennung Gottes vom Mensch, sondern der Trost der Menschen.

Schliesslich kommen die Kinder in die Pubertät und werden zu Jugendlichen. Ihr Lebensraum wird grösser und die Sorgen ihrer Mütter wachsen mit. Nun kommt aber eine neue Herausforderung auf die Mütter zu. Die Trennung von ihren Kindern steht nun an. Es ist wichtig, dass die Mutter loslassen kann. Die flügge gewordenen Kinder ausfliegen lassen kann, ohne sich dadurch in ihrem Mutter sein zurückgesetzt zu fühlen. Mütter bleiben Mütter, ein Leben lang.

Nur schon dieser holzschnittartige Überblick zeigt uns, wie gross die Aufgaben sind, die Mutter aber auch Vater zu bewältigen haben.

Bei einem meiner ersten Gottesdienstversuche an einem Muttertag reagierte eine ältere Frau auf die spezielle Begrüssung der Mütter. Sie erzählte mir, dass sie keine Kinder habe, sich aber dennoch als Mutter fühle, weil sie für die Nachbarskinder immer schon diese Rolle übernommen habe.

Sie war da, wenn die Kinder aus der Schule kamen und niemand zu Hause war. Dann durften die Nachbarskinder zu ihr kommen. Sie gab ihnen «Zvieri» und half ihnen bei den Schulaufgaben. Und wenn sich die Jungs beim Fussballspielen oder beim Klettern in den Bäumen die Haut aufgeschürft hatten, dann gab es bei ihr immer ein Pflaster und ein paar aufmunternde Worte.

Als ich ihr so zuhörte, wurde mir bewusst, dass zur Mutterschaft die biologische Verwandtschaft nicht immer dazu gehören muss.

Wir alle können Mütter und Väter werden auch dann, wenn wir keine eigenen Kinder haben. Da wo wir für die Bedürfnisse anderer Menschen da sind. Da wo wir einander von Angesicht zu Angesicht begegnen. Da wo wir die Sorgen des anderen mittragen. Da sind wir auch Mütter und Väter.

Ein berühmt gewordenes Beispiel für diese Haltung kennen die meisten von uns bestimmt. Mir fällt hier Mutter Theresa ein.

Als katholische Ordensfrau verzichtete sie entsprechend der Ordensregel auf einen Ehemann und somit auf eigene Kinder. Dennoch ist sie vielen zur Mutter geworden. Sie ging zu den ärmsten der Armen in Kalkutta. Sie nahm sich der Waisen, Kranken und Sterbenden an und gab ihnen soweit sie  vermochte familiäre Wärme, Geborgenheit und Liebe. Viele Menschen, vorwiegend Frauen, schlossen sich ihr an und wurden so wie sie, zu Müttern von Menschen ohne Mütter.

Mutter Theresa soll einmal gesagt haben: „Die schlimmste Armut ist Einsamkeit und das Gefühl, unbeachtet und unerwünscht zu sein.“ Dagegen hat sie in und mit ihrem Leben gekämpft.

Wenn wir bedenken wie wichtig Mütter für unser Leben sind, so ist es doch erstaunlich, dass in der Bibel Gott nie als Mutter bezeichnet wird.

Dennoch kennt die Bibel dieses Gefühl des Verlassen sein, wie es im Zitat von Mutter Theresa zum Ausdruck kommt. So schreibt der Sänger der Psalmen in Psalm 27 „Denn Vater und Mutter haben mich verlassen“. Die Bibel kennt aber nicht nur dieses Gefühl der Verlassenheit, sondern sie löst es in Richtung auf Gott hin aus. Denn der Vers wird abgeschlossen mit: „…aber der Herr nimmt mich auf“. Gott wird dem Beter des Psalms zum Ersatz von Vater und Mutter.

Jesus spricht zu seiner Mutter „Siehe dein Sohn“ und seinem Lieblingsjünger „Siehe deine Mutter“. Er beruft beide zu einer neuen Beziehung als Mutter und Sohn. Diese Beziehung hat Konsequenz. Maria, die Mutter Jesu zieht in das Haus seines Jüngers. Sie wird ihm zur neuen Mutter und er nimmt sie an als Mutter. Beide sorgen für einander.

Wenn wir diese Begebenheit hören, werden wir dann nicht auch aufgerufen uns über die Generationsgrenzen hinweg als Mütter und Kinder anzunehmen? Spricht nicht Christus vom Kreuz auch zu uns, damit wir uns umsehen und unsere Eltern oder unsere Kinder erkennen? Weil er uns zu Kindern Gottes berufen hat, dürfen wir einander nicht nur als Geschwister annehmen, sondern auch zu Kindern und Eltern werden.

Lassen wir uns also von Jesus mit seiner Mutter und seinem Lieblingsjünger ansprechen und hören „Siehe, deine Mutter“ und „Siehe, dein Sohn“.
Amen

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