Ein täglicher Gedanke in Zeiten des Virus – Tag 35

Der HERR ist mein Fels, meine Festung und mein Retter, mein Gott, mein Hort, bei dem ich Zuflucht suche, mein Schild und das Horn meiner Hilfe, meine Burg.
Ps 18,3

Die Burg meiner Kindheit war die Kyburg in der Nähe von Winterthur. Gerne besuchte ich sie. Oft mit der ganzen Familie. Wir alle hatten unsere Lieblingsplätze und – Räume. Mein Highlight bei jedem Besuch, war die Folterkammer. Fascinosum et tremendum – Faszinierend und erschreckend zugleich. Es tat meiner Begeisterung keinen Abbruch, dass die Folterkammer auf der Kyburg alles andere als historisch war und viel mehr der Fantasie und der Mittelalterbegeisterung des 19. Jahrhundert entsprungen war. Ganz im Gegenteil. Die Fiktion beflügelte geradezu meine Fantasie. Ich stellte mir das Leben der Raubritter, entführten Burgfräuleins und feuerspeienden Drachen vor.

Meine beflügelte Fantasie war wie Treibstoff. Sie trieb mich an nachzuforschen. Ich wollte wissen, wie es wirklich war. Dabei entdeckte ich, dass das Leben auf den Burgen zwar weit weniger abenteuerlich war als in meiner Fantasie, aber genauso spannend. Burgen waren wirtschaftliche Zentren und der Mittelpunkt einer ganzen Dorfgemeinschaft. Die soziale Stufe aller Bewohnerinnen und Bewohner widerspiegelte sich im Aufbau der Anlage. Gerade in Kyburg sind die Spuren davon auch heute noch gut zu sehen.

Der Besucher kommt über eine Hochebene zum Dorf. Drei von vier Seiten fallen steilen zur Töss ab. Die Ebene ist fruchtbar. Noch heute steht sie im Sommer voller Korn. Um den alten Dorfkern zieht sich ein Graben. Er trennt das Feld vom Dorf (auch wenn heute das Dorf längst über seine alten Grenzen hinausgewachsen ist). Der Graben trennte das Dorf, als Ort der Kultur im weitesten Sinn, von der umliegenden Zone der (gebändigten) Natur. Sobald die Sonne unterging, zogen sich die Menschen über eine Brücke über den Graben ins Dorf zurück. Hier waren sie sicher vor wilden Tieren. Hier galt das Gesetz. Verbrecher hatten hier nichts zu suchen. Wurden sie aufgegriffen, so warf man sie ins burgeigene Gefängnis (Es ist, anders als die Folterkammer, wirklich historisch).

Das Dorf bietet Schutz. Genügend Schutz in friedlichen Zeiten. So gehörte die Burganlage ganz ihren Bewohnern. Das Dorf lebte ausserhalb der Mauer und war doch mit der Burg und dem Burgherrn verbunden.

In der Burg selbst gibt es einen grossen Innenhof. Wunderbar zum Müssiggang, doch dies war nicht sein ursprünglicher Zweck. Vielmehr flohen die Dorfbewohner bei Kriegsgefahr in die Burg. Hinter den Mauern der Burg waren sie sicher. Sie standen unter dem Schutz des Burgherrn, auch wenn sie ihn hier nur selten sahen.

Denn der Burgherr lebte im Burgfried, dem Befestigungsturm. Im untersten Stock, nur über eine Aussentreppe zu erreichen und gut bewacht, befand sich der Empfangssaal. Hier hielt er Audienz. Wer zu ihm wollte, musste sich auf das Treffen entsprechend vorbereiten. Hier sah und traf man den Burgherrn. Hier war er präsent.

Doch seine Wohnung lag noch einen Stock darüber. Es waren die am besten befestigten und am schärfsten bewachten Räume der Burg. Hier lebten der Burgherr und seine Familie.

Dies alles kann man heute noch auf der Kyburg sehen. Es ist ein ähnliches Bild, wie es auch hinter dem Psalm steht. Gott ist der Burgherr. Ja er ist selbst die Burg. Das normale Leben spielt sich im Dorf ab. Gott ist da und zugleich doch auch nicht. Wie der Burgherr das Leben des Dorfes bestimmt und doch auf seiner Burg ist. Wir vergessen darum Gott oft in unserem Alltag. Doch auch wenn wir ihn vergessen, leben wir in seinem Dorf. Wir stehen unter seinem Schutz.

Gerät das Leben aus den Fugen, so dürfen wir uns in seine Burg flüchten. Wir dürfen zu ihm kommen. In seinem Hof ist genügend Platz für uns.

Doch wollen wir ihm begegnen, so müssen wir die Treppe beschreiten und uns auf die Begegnung mit ihm vorbereiten. Wir müssen die Stufen des Glaubens erklimmen. Stufe um Stufe wächst unser Vertrauen auf ihn. Durch Gebet und Bibellektüre bereiten wir uns vor. Wir betrachten uns selbst im Spiegel. Wir bitten ihn, dass er unsere Schritte festigen möge. Damit wir in seinen Thronsaal gelangen. Auf das wir erkennen, wer unser Herr und unser Fels, unsere Burg und unser Burgherr ist.

Gebet

Gott du bist wie eine Burg.
Du stehst da.
Trotzig, hart und zu einer längst vergangenen Zeit gehörig.
Doch du bist da.
In Not und in der Bedrohung darf ich zu dir flüchten.
Deine Mauern sind stark.
Dein Schutz mächtig.
Du bist mir Fels und Hort.
Dein Trotz ist dein Trotzdem.
Amen

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