Ein täglicher Gedanke in Zeiten des Virus – Tag 72

Alles, worum ihr bittet im Gebet, werdet ihr empfangen, wenn ihr glaubt.
Mt 21,22

Wegen der gegenwärtigen Situation mit der Pandemie komme ich zurzeit nicht so regelmässig zum Bogenschiessen, wie ich es mir wünschte. Doch vor einigen Tagen war es wieder einmal so weit. Ich hatte Zeit und Lust zum Schiessen. Auch das Wetter spielte mehr oder weniger mit. Die Anlage war rasch aufgebaut. Die Zielscheibe gestellt und der Bogenplatz eingerichtet. Aus der Sammlung meiner Bögen (Das Sammelfieber packt mich leider immer, wenn ich mich für etwas begeistere.) wählte ich einen Bogen mit mittlerer Zugkraft.

Normalerweise schiesse ich ihn ohne grosse Anstrengung. Doch nach mehreren Wochen Corona-Pause fühlte es sich heute Morgen ungewohnt an. Es war anders als sonst. Die Routine fehlte. So schoss ich wohl bewusster als in Zeiten, in denen ich das Bogenschiessen regelmässig übte. Ich beobachtete mich selbst. Einige Beobachtungen möchte ich mit euch teilen. Sie haben für mich Parallelen zu meinem geistlichen Leben und der Gebetspraxis.

Der Stand

Es fühlte sich gut an mit dem Bogen in der Hand vor die Scheibe zu treten. Der Körper erinnerte sich von allein an den guten Stand. Die Füsse schulterbreit und im rechten Winkel zur Scheibe spürten den Boden. Die Hüfte pendelte den Schwerpunkt so ein, dass mein Gewicht etwas mehr auf den Fersen als auf den Fussballen ruhte. Über Rücken und Hals lief eine Spannungslinie bis zum Scheitel. Ich fühlte es, ich bin bereit. Es kann wieder losgehen. Ich bin ganz bei mir.

Aus diesem Gefühl des Ganzbeimirseins entsteht der Bogenschuss. Aus ihm heraus bin ich aber auch bereit vor Gott zu treten und zu beten. Das Ganzbeimirsein ist die Grundvoraussetzung meiner spirituellen Erfahrung.

Der erste Schuss

Ich ruhte in mir. Ich hob den Bogen und zog. Beim Ziehen des Bogens fühlte ich seinen Widerstand. Er forderte Kraft. Meine Muskeln waren sich die Belastung nicht mehr gewohnt. Die lange Pause hatte sie geschwächt. Sie mussten arbeiten.

Nicht nur das Bogenschiessen, auch die geistige Übung verlangt Kraft. Wie ich beim Bogenschiessen meine Muskeln anstrengen muss, so fällt mir auch das Gebet nicht immer leicht. Gerade wenn man aus der Übung kommt, spürt man dies deutlich. Man muss sich mehr anstrengen den Bogen zu spannen und die Worte für das Gebet finden. Doch es lohnt sich. Je mehr ich schiesse, je leichter fällt es mir. Je mehr ich bete, desto mehr bestimmt es mein Leben.

Der erste Pfeil

Ich löste. Der Bogen gab seine Kraft dem Pfeil mit. Er schnellte von der Sehne angetrieben nach vorne. Er flog. Er tat es wie immer. Auf die Physik des Pfeilfluges habe ich als Schütze beim Schuss selbst kaum Einfluss. Wie der Pfeil fliegt, entscheidet ein anderer. Ich lasse los und überlasse den Pfeil den Gesetzen und Kräften des Pfeilfluges.

Im Gebet fasse ich meinen Dank, meine Sorgen, meine Hoffnungen und meine Fürbitten in Worte. Sie verlassen mein Herz. Ich lasse sie los. Ich überlasse sie dem Göttlichen. Ich vertraue darauf, dass sie ihr Ziel finden und gehört werden, wie ich mich darauf verlasse das mein Pfeil nicht fehl geht.

Das erste und das zweite Trefferbild

So schoss ich Pfeil um Pfeil. Sechs Stück. Sie landeten auf der Scheibe. Mancher traf präzise und stand bei seinen Gefährten, andere verteilten sich über die ganze Scheibe. Nicht mein gewohntes Trefferbild. Ich versuchte es zu nehmen, wie es war. Das fiel mir nicht leicht (Im Gleichmut kann ich noch wachsen. Hier liegt noch viel Potential).

Ich zog die Pfeile und schoss einen zweiten Pass. Die Pfeile näherten sich einander an. Mit jedem weiteren Durchgang kehrte die gewohnte Präzision Stück um Stück zurück. Das Üben hatte seine Spuren gelegt. Nicht nur auf dem Rasen, auch im Körper. Die alten Spuren leiteten meine Hand und meine Augen. Die alten Spuren führen meine Seele.

Wie die Treffer, so kommen auch die Worte beim Gebet mit der Zeit immer selbstverständlicher. Wie der Körper sich erinnert, so erinnert sich auch die Seele in der geistlichen Übung. Sie ist getragen von der Erfahrung der göttlichen Liebe. Sie ermächtigt die Seele zur Begegnung mit dem Göttlichen. Die Seele ist getragen. Nicht durch sich selbst, sondern durch den Urgrund alles Seins.

Ob im Gebet oder im meditativen Bogenschuss begegnet die Seele dem Göttlichen. Die Ewigkeit berührt die Zeit. Die Ewigkeit klingt nach.

Das Nachhalten

Ich habe geschossen. Ich habe meditiert. Nach jedem Schuss habe ich nachgehalten. Der Pfeil schwang nach. Auf der Scheibe, aber auch in meinem Erleben. Was ich tat und was keinen Augenblick dauerte, nämlich vom Lösen bis zum Einschlagen des Pfeiles auf der Scheibe, hat Wirkung.

Der Augenblick halt nach. Er ist nicht vergangen, sondern wirkt nach. Er schwingt nach und wird so zum Teil der Zeit. Das Amen beschliesst das Gebet. Doch mit dem Amen ist das Gebet nicht zu Ende. Wie der Pfeil und der Schütze im Nachhalten nachschwingen und so das Vergangene mit dem Gegenwärtigen verknüpfen, wirkt auch das Gebet. Jedes Gebet wirkt auf die Gegenwart. Es wirkt über sich selbst hinaus. Denn es verbindet die Seele mit dem Göttlichen. Es führt sie einen Schritt näher zu Gott.

So habe ich geschossen. Ich habe meinen festen Stand wahrgenommen, die Kraft gespürt und dem Pfeil nachgeschaut. Ich habe es genossen. Als der Regen kam, versorgte ich das Material. Ich habe aufgehört zu schiessen, doch schiesst es in mir weiter.

Gebet

Gott
Gib mir einen festen Stand, damit ich ruhig stehe.
Gib mir Kraft, damit ich den Bogen ziehe.
Gib mir Zuversicht, damit ich loslasse und alles dir überlasse.
Gib mir Geduld, damit ich nachhalte.
Gib mir dein Wort, damit es in mir nachhallt.
Amen

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